Bibelauslegung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Den Glauben behalten,
ohne den Verstand zu verlieren

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Theologie, Bibelkritik,
wissenschaftliche Bibelauslegung
und die Glaubwürdigkeit von Gottes Wort

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Diese Schrift, Stand November 2010,
darf in jeder Form vervielfältigt und weiterverbreitet werden.

 

Sie kann, ebenso wie die am Ende aufgeführten Schriften,
kostenlos heruntergeladen oder online gelesen werden auf:

www.urzeitundendzeit.de

 

 

... oder als Buch gratis bei mir bestellt werden:

 

Armin Held (* 1961)
Oberreit 1
D - 83620 Feldkirchen-Westerham
Telefon 08063-972 301
arminheldätgmxpunktnet


      Den Glauben behalten, ohne den Verstand zu verlieren
      Ein Vorwort, das alles sagt                                                     7

Die Bibel

Ein paar interessante Fakten und Aussagen                                 8

Die Zuverlässigkeit des Bibeltextes

Ein wirklicher Experte äußert sich                                             11

Was können wir von den Naturwissenschaften lernen?

Vertrauen und Prüfen als Grundlage von Wissenschaft            16

Wissenschaftliche Bibelauslegung

Objektive und nachprüfbare Methoden der Auslegung             27

Was die Konkordanz lehrt

héteros = andersartig und állos = anders, von gleicher Art        35

Tohuwabohu

Ein Schlüssel zum besseren Verständnis der ganzen Bibel        46

Das Tohuwabohu und Römer 8                                                  50

Darf die Naturwissenschaft die Bibelauslegung beeinflussen?

Die zwei Bücher Gottes                                                             50

Die zwei Stammbäume Jesu im Neuen Testament

Ein scheinbarer Widerspruch als Erfüllung von Prophetie        59

Jesus und die Bibel

Mensch(enwort) oder Gott(eswort)?                                          63

Die Inspiration der Bibel

Gottes natürliche Art zu reden                                                   71

Der Hase -(k)ein Wiederkäuer?

Was Theologen und Biologen dazu sagen                                  76

Die historisch-kritische Theologie und das Alte Testament

Literarkritik und "Quellenscheidung"                                        86

Die Kritik an den Mosebüchern                                                 88

Die Schwächen der Pentateuch- und Literarkritik                     90

Wurzeln und Früchte der Kritik                                                 95

War Jona ein falscher Prophet

Was ein Wort ausmachen kann!                                                98

Der Gottesname "JaHWäH" und die Bibelkritik

Vorurteile und mangelnde Sorgfalt                                           105

Gottesnamen und "Quellenscheidung"                                     117

Die Aussprache des Gottesnamens                                           122

Stammt die Bibel aus Babel?

Die "Ur"-Schrift der Bibel ist älter!                                           124

Biblische "Quellenscheidung"

Mose als Redaktor                                                                    129

Meine Erfahrungen mit der Universitäts-Theologie

Den "kindlichen Glauben zerstören"!                                       139

Professor Eta Linnemann und das Neue Testament

Die kritische Theologie aus der Sicht eines Insiders                 147

Der "Bibel-Code"

Eine Ent-Täuschung                                                                  155

Die Glaubwürdigkeit der Bibel

Eine ernsthafte Prüfung "von Anfang an"                                166

Der Text des ersten Kapitels der Bibel                                     167

Der Schlüssel zum Verständnis des "Schöpfungsberichtes"      173

Eingetroffene Prophetien der Bibel

Das Schicksal Israels und das Leben Jesu                                 180

Vorhersagen der Bibel für die heutige Zeit und die Zukunft    189

Das Weltbild der Propheten

Boten können mehr sagen, als sie wissen                                 195

Hat sich das das babylonische Weltbild                                   
in die Bibel eingeschlichen?                                                      204

Wenn Gläubige nicht glauben

Fortschritt ist notwendig und möglich - auch bei Gläubigen!   206

Die Einteilung der Bibel in Verse und Kapitel

Menschliche Hilfen, Hindernisse und Spielereien                     220

Bibel oder / und Naturwissenschaft

Schatzsuche auf biblischem Boden                                           224

Weiterführende Literatur (gratis)

Glaube und Naturwissenschaft, Bibelauslegung usw.               227

 


 


 

 

 

Den Glauben behalten

ohne den Verstand zu verlieren

 

 

 

 

Brüder, seid nicht Kinder am Verstand,
sondern an der Bosheit seid Unmündige,
am Verstand aber seid Erwachsene!

1.Korinther 14:20

 


Die Bibel ...

 

... hat über tausend Seiten,

ungefähr 3 Millionen Buchstaben,

etwa 774.000 Worte,

31.102 Verse und 1.189 Kapitel.

 

Man benötigt etwa 38 Stunden, um das Alte Testament,

und ungefähr elf Stunden, um das Neue Testament durchzulesen.

Das sind also insgesamt 49 Stunden für die ganze Bibel.

 

Wenn man die Bibel in gewöhnlicher Sprechgeschwindigkeit vorlesen will, benötigt man etwa 70 Stunden.

 

Liest man täglich vier Kapitel, so kommt man in einem Jahr (365 Tage) gut durch die ganze Bibel.

 

Echtes Gold ...

... wird nicht vergoldet, Diamanten werden nicht angemalt -     
ebenso kann man die Bibel nicht verbessern.

Es ist nicht nötig, eine Lampe anzumachen,

um die Sonne zu sehen.

 

So ist es auch mit der Bibel: Sie trägt das Siegel Gottes.

Jeder, der sich ihr aufrichtig nähert,

empfindet die in ihr enthaltene Macht und Majestät.

 

Die Bibel selber erleuchtet -
alle, die sich von ihr die Augen öffnen lassen!


Die angespülte Bibel

In einem heftigen Sturm ging ein deutscher Dampfer in der Nähe der spanischen Küste unter. Ein paar Tage später wurden einige Wrackteile und Kleidungsstücke der Matrosen angespült. In einer Tasche steckte ein Neues Testament, auf dessen Umschlag zu lesen war:

 

Markus Rotmann, Kolkwiese 12, Hamburg.

 

Das erste Mal gelesen auf Bitten meiner Schwester Lotte.

Das zweite Mal gelesen aus Angst vor dem Gericht Gottes.

Das dritte und alle anderen Male gelesen aus Liebe zu meinem Heiland Jesus Christus.

 

Wir brauchen die Bibel nicht zu verteidigen.

Eine Löwe verteidigt sich selbst.

Es ist eher umgekehrt: Die Bibel greift die Menschen an!

Sie sagt ihnen genau, was mit ihnen los ist.

Darum fürchten sich so viele vor ihr.

 

Gottes Wort ist die reine Wahrheit, die den Menschen tief in seinem Gewissen anspricht und ihm keine Ruhe lässt.

Deshalb versuchen viele, die Bibel los zu werden -

so wie ein Verwahrloster den Spiegel zerschlagen will,

der ihm zeigt, wie ungepflegt und schmutzig er ist.

 

Lege alle Bücher, die schon gegen die Bibel geschrieben wurden, aufeinander, und du hast einen Stapel, höher als der Kölner Dom.

Lege dann die Bibel daneben.

Sie ist unversehrt.

Sie ist Sieger und überlebt alle ihre Feinde.

Die kleinste gedruckte Bibel ...

Ist so lang wie ein Streichholz:

Sie misst 4 1/2 cm Länge, 3 cm Breite und ist 2 cm dick.

Das Büchlein wurde in England gedruckt und hat 878 Seiten.

Mit einer Lupe kann man alles gut lesen.

Diese Bibel wiegt nur 20 Gramm.

 

Die größte Bibel der Welt

Ein Tischler aus Los Angeles hat zwei Jahre lang täglich bis in die Nacht hinein gearbeitet, um eine Bibel ganz aus Holz herzustellen.

Jedes Blatt ist ein dünnes Holzbrett, in das die Buchstaben eingeprägt sind.

Das Buch enthält 8.048 Seiten, hat ein Gewicht von 547 kg, und eine Dicke von 2,5 Metern.

 

Copyright by

Verbreitung der Heiligen Schrift

D-35713 Eschenburg

 

 


Die Zuverlässigkeit des Bibeltextes

 

Ein falscher Skeptizismus gegenüber der Bibel

Immer wieder waren es die Nicht-Theologen, in diesem Fall die Archäologen, die die stärksten Argumente für die Zuverlässigkeit des Bibeltextes lieferten, während die Theologen ständig herummäkelten:

Zum Beispiel wurde angenommen, dass die Schreibkunst im Palästina der mosaischen Zeit unbekannt war und dass der Pentateuch demzufolge erst im zehnten oder neunten Jahrhundert v. Chr. geschrieben worden sein konnte. Hinweise auf Hetiter wurden ungläubig zur Seite geschoben und als reine Erfindung seitens der späten Verfasser der Tora verurteilt; das gleiche galt für die Horiter und selbst für die Historizität Sargons II. (722-705 v. Chr.), da bis dahin noch keine außerbiblischen Bezugnahmen auf ihn vorlagen. Die Echtheit eines Königs wie Belsazar (im Daniel-Buch) wurde für unmöglich gehalten, weil kein griechischer Autor ihn erwähnte und so erklärte man den biblischen Bericht als falsch.

Doch:

Seit den Tagen Hupfelds, Grafs und Kuenens haben archäologische Entdeckungen den Gebrauch einer alphabetischen Schrift in den kanaanitisch-sprechenden Kulturen vor 1.500 v. Chr. bestätigt und zahlreiche Urkunden zu Tage gefördert, die das Vorhandensein und die große Bedeutung sowohl der Hetiter und Horiter (oder Hurier, wie sie häufig genannt werden) bestätigten, sowie Keilschrift-Tafeln, die den Namen Belsazars enthielten. Immer wieder wurde in solchen Fällen, in denen angebliche historische Ungenauigkeiten vorlagen, die dann als Beweis für die späte und gefälschte Verfasserschaft der biblischen Urkunden dienten, der hebräische Bericht durch Ergebnisse jüngst erfolgter Ausgrabungen als richtig bestätigt und die zynischen Urteile der Urkundenhypothese als unbegründet entlarvt. (Gleason L.Archer, jr., EINLEITUNG IN DAS ALTE TESTAMENT Band 1, Bad Liebenzell, Verlag der Liebenzeller Mission, 1987, ISBN 3-88002-300-X, Abkürzung: aeat, Seite 211,212)

"Zudem hatte er (Mose) gerade eine Kultur verlassen, in der die Schreibkunst eine derartige Verbreitung gefunden hatte, dass sogar Toilettenartikel, die von Frauen im Haushalt verwandt wurden, mit entsprechenden Vermerken versehen wurden. Das Schreiben sowohl in hieroglyphischer als auch in hieratischer Schrift war so vorherrschend im Ägypten Moses, dass es absolut unwahrscheinlich anmutet, wenn er keine seiner Beobachtungen schriftlich niedergelegt hätte (wie selbst die Kritiker im zwanzigsten Jahrhundert behaupten), wo er doch die großartigsten und wichtigsten Begebenheiten aufzuzeichnen gehabt hatte, die in der Gesamtheit der menschlichen Literatur ihresgleichen suchen. Zu einer Zeit, da selbst die ungelernten semitischen Sklaven, die in den ägyptischen Türkis-Minen in Serabit el-Khadim arbeiteten, ihre Gedanken in die Tunnelwände einritzten, wäre es ziemlich unvernünftig anzunehmen, dass ein Führer mit dem Hintergrund und der Erziehung eines Mose ein Analphabet gewesen sein soll, der nicht einmal in der Lage war, auch nur ein einziges Wort zu schreiben." (aeat 148-149)

Wahre "Experten"

Es wäre aber unfair, alle Theologen über einen Kamm zu scheren. Es gab auch unter ihnen viele, die sich gegen eine voreingenommene Kritik wandten. Und sie waren bei weitem nicht leichtgläubige oder halbinformierte Wunschdenker, sondern gerade sie waren oft wirkliche Experten. Prof. Robert D.Wilson (1856-1930) z.B. war ein so gründlicher Kenner der semitischen Sprachen, dass er - so unglaublich es klingen mag - über vierzig von ihnen beherrschte. Er berichtet:

Als ich noch Theologie studierte, pflegte ich mein Neues Testament in neun verschiedenen Sprachen zu lesen. Ich lernte es auf Hebräisch auswendig, so dass ich es ohne Auslassung einer einzigen Silbe aufsagen konnte; das gleiche galt für die Psalmen Davids, Jesaja und andere Teile der Schrift ... und ich entschloss mich, sämtliche Sprachen zu lernen, die Licht auf das Hebräische werfen, alle damit verwandten Sprachen, sowie schließlich auch alle Sprachen, in welche die Bibel bis 600n.Chr. übersetzt wurde, so dass ich in jedem Fall den Text jeweils selbst würde untersuchen können. ...

Nachdem ich die notwendigen Sprachen gelernt hatte, machte ich mich an die Untersuchung jedes einzelnen Konsonanten des Hebräischen Alten Testamentes. Es gibt davon etwa eineinviertel Millionen, und ich benötigte viele Jahre für diese Aufgabe. ... Das Ergebnis dieser dreißigjährigen Studien, die ich auf den Text verwandt habe, ist folgendes: Ich kann gesichtert behaupten, dass es keine Seite im Alten Testament gibt, bezüglich der wir auch den geringsten Zweifel haben müssten. Wir können absolut sicher sein, dass wir substantiell den Text des Alten Testamentes haben, den Christus und seine Apostel hatten, und der von Anfang an in dieser Form existiert hat. (Aus: Alois Wagner "Die Zukunft hat begonnen - An der Schwelle einer neuen Weltordnung? Christliche Literaturverbreitung e.V., Postfach 11 01 35, 4800 Bielefeld 11, 1991. Abkürzung: wzhb, Seite 32-37)

Aus Platzgründen sei nur ein Beispiel aufgeführt, das die Zuverlässigkeit des hebräischen Bibeltextes dokumentiert:

Wenn jemand etwas gegen die Bibel sagt, fragen Sie ihn nach den darin erwähnten Königen. Dort werden 29 Könige von Ägypten, Israel, Moab, Damaskus, Tyrus, Babylon, Assyrien und Persien erwähnt und zwar aus zehn verschiedenen Ländern. Diese alle werden sowohl in der Bibel als auch auf zeitgenössischen Monumenten der betreffenden Länder genannt ... Diese 29 Eigennamen enthalten insgesamt 195 Konsonanten. Aber wir finden in den Dokumenten des Alten Testaments nur zwei oder drei aus den ganzen 195, bei denen es überhaupt fraglich ist, ob sie in genau der gleichen Weise geschrieben sind wie auf ihren eigenen Monumenten. Einige von ihnen gehen 2000 Jahre zurück, andere 4000 - und doch sind sie so geschrieben, dass jeder einzelne Buchstabe klar und korrekt ist. ... Jeder einzelne hat in der Bibel seinen richtigen Namen, wird seinem richtigen Land zugeordnet, und in der korrekten chronologischen Abfolge genannt! Denken Sie einmal nach, was das bedeutet! ... Das ist ohne Zweifel ein gewaltiges Wunder.

Nehmen wir die von dem größten Gelehrten seines Zeitalters, dem Bibliothekar von Alexandria im Jahr 200 v.Chr. verfasste Liste. Er stellte einen Katalog der Könige von Ägypten zusammen, insgesamt 38; und von diesen 38 sind nur drei oder vier identifizierbar! Er machte auch eine Königsliste von Assyrien; hier können wir nur bei einem Namen feststellen, wer gemeint ist, und selbst der ist nicht richtig buchstabiert! Oder nehmen wir Ptolemäus, der ein Register von 18 babylonischen Königen zusammengestellt hat... Kein einziger ist richtig buchstabiert, und man könnte keinen identifizieren, wüssten wir nicht aus anderen Quellen, auf wen oder was er sich bezieht. (Aus: Alois Wagner "Die Zukunft hat begonnen - An der Schwelle einer neuen Weltordnung? Christliche Literaturverbreitung e.V., Postfach 11 01 35, 4800 Bielefeld 11, 1991. Abkürzung: wzhb, Seite 37-38)

Die "kritische" Theologie

So weit, so gut. Doch wie kommt es, dass ausgerechnet die Hochschultheologie zu so anderen Ergebnissen kommt und letztlich dem Zweifel an der Bibel Vorschub leistet? Verwendet sie nicht auch wissenschaftliche Methoden? Kann es sein, dass die Gelehrten an den Universitäten sich derartig irren, obwohl sie doch auf Kenntnisse des Grundtextes und oftmals jahrelange Ausbildung zurückgreifen können?

Da der Einfluss der historisch-kritischen Theologie in den westlichen Ländern fast allgegenwärtig ist und dabei mehr oder weniger offen den Anspruch erhebt, den einzig gültigen Ansatz zu einem objektiven Umgang mit dem Bibeltext zu repräsentieren, gehe ich weiter hinten ausführlicher auf das Thema Theologie ein.


Was können wir
von den Naturwissenschaften lernen?

 

Der große Unterschied

Wenn ich Physik studieren möchte, gibt es dafür an der Universität nur eine Möglichkeit, denn es gibt nur eine Physik! Der Grund ist, dass in der Physik wissenschaftliche Methoden angewendet werden, aufgrund derer es zu einer Verständigung und Einheit unter den Forschern kommt. Die wissenschaftlichen Methoden führen zu übereinstimmenden Erkenntnissen.

Nicht so in der Theologie: Hier muss ich von vorne herein eine Entscheidung treffen, ob ich katholische oder evangelische Theologie studieren möchte. Und durch all das Studieren und Forschen kommt doch keine Einheit zustande, es bleiben die unterschiedlichen Lehrmeinungen. Diese kann man mit verschiedenen philosophischen Denkrichtungen vergleichen, die auf persönlichen Vorlieben und Vorurteilen beruhen. So gibt es weltweit nicht nur katholische und evangelische Fakultäten, sondern auch anglikanische, methodistische, baptistische usw.

Welche Methode können wir anwenden?

In den Naturwissenschaften konnten im Laufe der Vergangenheit gewaltige Erfolge erzielt werden, die Natur besser zu verstehen und diese Erkenntnisse auch anzuwenden. In der Theologie dagegen sehen wir uns heute mehr denn je einem chaotischen Wirrwar von widerstreitenden Meinungen gegenüber, die außerdem größtenteils in der Praxis scheitern. Warum lernen wir also nicht von den Naturwissenschaften und versuchen, dieselben Methoden, die sich dort bewährt haben, sinngemäß auf die Bibel anzuwenden?


Vertrauen und Prüfen
als Grundlage von Wissenschaft

 

Forschungsmethoden in den Naturwissenschaften
und den sogenannten "Geisteswissenschaften"

Es fällt auf, welche Fortschritte die Naturwissenschaften gemacht haben, mit gewaltigen Auswirkungen auf die Technik und alle materiellen Dinge des Lebens. Man konnte durch die Zusammenarbeit aller Wissenschaftler ein harmonisches System errichten, auf das man bauen kann und das eine immer fortschreitende Vervollkommnung erlaubt. Man folgt dabei lediglich einem einzigen Weg, der zur Wahrheit zu führen scheint.

Dagegen ist in Philosophie und Theologie kaum ein Fortschritt zu beobachten, und es bestehen krasse Gegensätze zwischen den verschiedenen Systemen, so dass diese die Denker und Gläubigen untereinander trennen. Man folgt getrennten Wegen, die deshalb in der Regel von der Wahrheit abweichen. Woher kommen diese Unterschiede?

Die Antwort ist, dass die Naturwissenschaft die natürliche Methode beibehalten hat, die es einem jungen Kind erlaubt, sich im Beginn seines Lebens schnell zu entwickeln, um sich der Wirklichkeit bewusst zu werden, von der es selbst einen Teil ausmacht. Bei näherer Untersuchung stellt sich heraus, dass diese natürliche Methode, aus der die Gelehrten eine "wissenschaftliche" gemacht haben, mehr oder weniger bewusst auf folgenden Grundsätzen beruht:

1.   Durch einen vorangehenden Glauben gibt man das Bestehen eines realen Weltalls zu, das ohne innere Widersprüche und für uns mehr oder weniger begreifbar ist. Man schließt nichts von vorne herein aus.

2.   Man nimmt ohne Vorurteile und ohne die Einmischung von parteiischen Gefühlen Kenntnis von den Einzelbereichen des Weltalls. Ausgehend von diesen Einzelbereichen versucht man, zu einer Synthese zu kommen, das Weltall zu rekonstruieren. Begegnet man Schwierigkeiten, Gegensätzen oder sogar scheinbaren Unmöglichkeiten, so geht man demütig davon aus, dass diese Hindernisse der eigenen Unvollkommenheit oder einer vorläufigen Hypothese (Vorunterstellung) zuzuschreiben sind, die von der Wahrheit abweicht. Niemals würde man deswegen den Glauben an die Harmonie des Weltalls im Stich lassen. Sowohl das "Kind", als auch der "Mann" der Wissenschaft opfern also dergleichen Vorstellungen, sie "bekehren" sich, sie geben ihre menschliche Schwachheit zu und kommen so zu einer besseren Lösung.

3.   Dies setzt eine gewisse Demut und unüberwindliche Liebe zur Wahrheit voraus, die dazu ermutigt, sich selbst aufzugeben, sich selbst nicht als Mittelpunkt des Weltalls zu betrachten und nicht alles an der eigenen Mittelmäßigkeit zu messen.

4.   Man folgt also der Methode von Glaube und Liebe, aber einem vernünftigen Glauben, der alle Fähigkeiten des Geistes zu ihrem Recht kommen lässt.

Die Naturwissenschaft konnte solch gute Ergebnisse erzielen, weil sie auf ihrem beschränkten Gebiet der natürlichen Dinge, der Methode von Glaube und Liebe gefolgt ist. Warum konnte ein derartiger Fortschritt nicht auch in den anderen Wissenschaften erreicht werden, vor allem in der Philosophie und der Theologie?

Weil sich hier zwei Einflüsse in viel stärkerem Maße geltend machen: der von äußerem Ursprung, das Böse in der Welt, und der von inwendigem Ursprung, das Böse im "Ich", in mir. Gerechterweise muss man jedoch zugeben, dass das Gebiet der Natur für den Menschen besser zugänglich ist - zumal sein Geist "dem Staub zugewandt" ist - als das Gebiet, mit dem Philosophie und Theologie sich befassen.

Wissenschaftlicher Umgang mit der Bibel

Da wir erkannt haben, zu welch schnellen Fortschritten die natürliche oder wissenschaftliche Methode führt, wollen wir versuchen, sie auf das Studium der Bibel anzuwenden. Wir wollen offen dafür sein, dass die Bibel sich von allem unterscheidet, was Menschen hervorgebracht haben. Wir glauben also erst einmal ihrem Selbstzeugnis und sehen dann, was sich daraus ergibt. Allerdings wirken gleichzeitig andere Kräfte in entgegengesetzter Richtung, zum Beispiel manche Weltanschauungen unserer Gesellschaft, eventuell unsere Erziehung und nicht zuletzt die angeborene Selbstsucht. Zu einer objektiven Haltung gehört auch, dass man es für möglich hält, dass die Zweifel an der Bibel oft lediglich Auslegungen der Schrift betreffen, aber nicht notwendigerweise die Schrift selbst. Will man die wissenschaftliche Methode auf die Untersuchung der Bibel anwenden, muss man also:

1.   Den Glauben an die Einheit und die Glaubwürdigkeit der Bibel haben, oder zumindestens einen "vorläufigen Glauben", also das, was man in der Wissenschaft eine "Arbeitshypothese" nennt.

2.   Die Liebe zur Wahrheit, zur ganzen Wahrheit haben; man muss also bereit sein, nötigenfalls auch seine eigenen Überzeugungen und alle Überlieferungen menschlichen Ursprungs aufzugeben.

Unserer Meinung nach hat die moderne Bibelkritik einen grundlegenden Fehler begangen: Nicht etwa, indem sie "kritisierte", also die Gegebenheiten mit Hilfe des aufrichtigen Verstandes untersuchte, oder indem sie verkehrte Auslegungen abschaffte, sondern vielmehr, indem sie voraussetzte, die Wissenschaft gründe sich auf die Methode: erst Studium - dann Glaube, und indem sie diese Methode dann auf die Untersuchung der Bibel anwandte. Die wissenschaftliche Methode kann man jedoch wie folgt zusammenfassen:

1.   Ein allgemeiner Glaube in die Einheit und Begreifbarkeit des Studienobjektes.

2.   Eine Untersuchung, die von der Liebe zur Wahrheit geleitet wird.

3.   Glaube auch in Bezug auf die Teilbereiche.

Die moderne Kritik hat den ersten Punkt aus dem Auge verloren und bestreitet heftig den vorangehenden Glauben an die Einheit und Glaubwürdigkeit der Bibel.

Zu diesem wichtigen Ergebnis gekommen, wird man in der Folge versuchen, die Schrift gewissenhaft zu studieren und die Schrift durch die Schrift zu erklären, wie auch der Wissenschaftler die Gegebenheiten in der Natur "naturwissenschaftlich" erforscht und zu erklären versucht. Durch die konsequente Anwendung der wissenschaftlichen Methode kann man eine "Bibel - Wissenschaft" betreiben, die der Wahrheit stets näher kommt. Auch verschiedene Forscher könnten zu annähernder Übereinstimmung kommen, wenn sie - nötigenfalls unter Preisgabe eigener, liebgewonnener Vorstellungen - dieser Methode folgten und sich stets durch die Wahrheit korrigieren ließen.

Vorurteile und liebgewonnene Überzeugungen aufgeben

Da wir versucht haben, diese Methode anzuwenden, darf der Leser sich nicht verwundern, wenn wir bestimmte überlieferte Ideologien und menschliche Auslegungen aufgeben. Wir können uns in seine Lage versetzen, wenn von ihm verlangt wird, eine Anschauung aufzugeben, die ihm lieb und während etlicher Jahre segensreich war, denn auch wir mussten des öfteren eigene Vorstellungen opfern. Aber ist die Wahrheit diesen Preis nicht wert? Anfangs glaubt man oft, wertvolle Dinge zu verlieren, doch später erkennt man den gewaltigen Gewinn, den man gemacht hat, indem man aufgab, was lediglich zum Teil Wahrheit ist, und vielleicht ein ernstes Hindernis für das geistliche Leben darstellt:

Ich war ... der Gerechtigkeit nach, die im Gesetz ist, untadelig geworden. Aber was auch immer mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust gehalten. Ja wirklich, ich halte auch alles für Verlust um der unübertrefflichen Größe der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, willen, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe und es für Dreck halte, damit ich Christus gewinne. Philipper 3:6-8

Diese Methode zeigt gute Ergebnisse, sobald wir ihr bei der Untersuchung der Bibel folgten. Sie kann einen Großteil der theologischen Schwierigkeiten beseitigen, die die Gläubigen entzweien, und ermöglicht die Synthese eines "Systems", das umfassender ist als die bisherigen, das nicht nur dem Verstand, sondern auch unserem "Herzen" Rechnung trägt und es befriedigt. Man hat auf diese Weise Zugang zu einem starken und genau der Schrift entsprechenden Glauben. Man kann rasch voranschreiten auf dem Heilsweg, wodurch eine innerliche, geistliche Gemeinschaft mit Gott ermöglicht wird.

Ein Wort an Theologen

Zuerst ein Wort an die Adresse einiger moderner Theologen, die denken, der Glaube an die Schrift als oberste Autorität stehe im Widerstreit mit den Forderungen des Geistes. Sie stellen den "Buchstaben" dem "Geist" der Schrift gegenüber.

Wenn aber Gott der Autor der Bibel ist, warum nehmen wir dann nicht das als oberste Autorität an, was Gott als richtig erachtet, und uns deshalb wissen lässt?! Ist es dann nicht nur vernünftig, wenn wir uns diesem Worte beugen?! Die Forderung des Geistes kann doch nicht darin bestehen, die Wahrheit zu verwerfen! Der "Buchstabe" richtet sich an unseren Verstand, er dient als Zwischenglied, als Übermittler. Wenn man von geistlichen Dingen spricht, so müssen sie mit der erlebten Wirklichkeit, mit der Erfahrung und dem Verstand in Einklang gebracht werden können, bevor man sie begreifen kann. Dass manche Menschen hierbei möglicherweise zu eng am einzelnen "Buchstaben" haften geblieben sind, lässt sich nicht bestreiten. Doch ist dies kein Grund, deshalb den "Buchstaben" preiszugeben und nur noch den "Geist" übrigbehalten zu wollen.

Der "Buchstabe" ist an unseren Verstand angepasst, der nicht in der Lage ist, die Wahrheit unmittelbar zu erfassen, weil der Mensch gefallen und sein Verstand verfinstert ist. Gott wirkt in uns, aber er offenbart uns nicht alles auf einmal. Dieser Zustand entspricht ganz der natürlichen Welt, in der unser Geist, unsere Sinne zum Beispiel hören, sehen usw. als Werkzeuge benützen muss. Wir sind nicht fähig, uns mit unserem eigenen Bewusstsein ein mehr als sehr verschwommenes Bild von der Wahrheit zu machen. Der Geist Gottes erleuchtet unseren Geist - nicht, damit wir eine nur uns betreffende Offenbarung verstehen, sondern all das, was er ein für allemal einigen auserwählten Menschen und darauf durch sein geschriebenes Wort genau geoffenbart hat.

Die rein "verstandesmäßige" Kenntnis des "Buchstabens" kann alleine natürlich nicht befriedigend sein, aber andererseits ist es eine unentbehrliche Voraussetzung, dass man den "Buchstaben" verstandesmäßig annimmt, um erfahren zu können, was Gott geoffenbart hat, und um den Herrn mehr als auf eine sehr vage Art und Weise zu lieben:

Sooft jemand das Wort vom Reich hört und nicht versteht, kommt der Böse und reißt weg, was in sein Herz gesät war. Dieser ist es, bei dem an den Weg gesät ist. Matthäus 13:19

Unsere Liebe hängt davon ab, wie gut wir die geliebte Person kennen, und selbst der Apostel Paulus strebte danach, den Herrn besser kennenzulernen. Die Schrift ist also nicht das Endziel, sondern ein Mittel - und zwar ein unentbehrliches Mittel. Da Gott selbst zu uns spricht, mit vollkommen genauen Worten, können wir einen erleuchteten Glauben haben und uns vieler Besonderheiten sicher sein. Wäre die Bibel dagegen eine Sammlung fehlbarer Zeugnisse oder noch nicht ganz ausgereifter Lehrsätze, die Menschen mit Hilfe ihres "religiösen Bewusstseins" aufgestellt haben, so könnten wir niemals wissen, ob und wann über bestimmte Fragen wahre Aussagen gemacht werden. Wenn man konsequent ist, bleibt dann nur noch eine verschwommene, mehr oder weniger "christliche" Frömmigkeit übrig.

Da man gleichzeitig weit davon entfernt ist, das Autoritätsprinzip abzuschaffen, wird der Berufstheologe die Neigung entwickeln, seine menschliche Autorität an die Stelle der höchsten Autorität, nämlich der des Wortes Gottes, zu setzen. Die Gläubigen unterstellen sich dann der Leitung bestimmter Autoritätsträger, seien es Einzelpersonen oder Gemeinschaften, und das "Glaubensbekenntnis" einer Kirche oder Sekte soll dann den Platz der Schrift einnehmen.

Ein Wort an die "einfachen Gläubigen"

Warum all diese Komplikationen, diese Hinweise auf die Wissenschaft, die Philosophie und die Theologie? Warum nehmen wir nicht "einfach" an, was die Bibel lehrt? Lasst uns Missverständnisse vermeiden. Es gibt auf der einen Seite eine Einfachheit, die sich darin zeigt, dass man der Wahrheit nicht dadurch widersteht, dass man ihr seine eigenen Ideen und Vorstellungen gegenüberstellt. Diese Einfachheit schließt das Denken, die Vernunft und eine gewisse Kritik keinesfalls aus. Ist doch auch der Bereich des Göttlichen auf Vernunft gegründet und muss selbst der kritischsten Untersuchung standhalten können. Wenn Gott durch seinen Geist in uns wirkt, dient dies nicht dazu, uns dumm zu machen, sondern, im Gegenteil, unseren Verstand und unsere Vernunft zu erleuchten.

Wir müssen aber Auslegungen dem Worte gegenüber eine sehr kritische Haltung einnehmen, auch wenn sie von "Autoritäten" stammen. Es gibt also eine "Einfachheit", die die Wahrheit annimmt, wenn sie offenbar wird, die alle Fähigkeiten des Geistes berücksichtigt und ausnützt. Zwar verlangt die Schrift von uns, so einfältig zu sein wie die Kinder, aber es geht dabei nur um die Eigenschaften, von denen wir soeben sprachen, und die dafür sorgen, dass wir für die Wahrheit empfänglich bleiben. Es wird also nicht verlangt, jegliche Vernunft und jeglichen Verstand abzulegen. Der Apostel Paulus sagt dies ganz deutlich:

Brüder, seid nicht Kinder am Verstand, sondern an der Bosheit seid Unmündige, am Verstand aber seid Erwachsene. 1.Korinther 14:20

Auf der anderen Seite gibt es eine Schlichtheit, die eigentlich Leichtgläubigkeit ist, die allzuleicht Irrtümer übernimmt, die keine ausreichenden Anstrengungen unternimmt, um vollkommen zu begreifen, was Gott uns erkennen lassen will. Dabei fordert die Bibel selbst uns immer wieder auf, zu prüfen und nachzudenken; hier einige Schriftstellen dieser Art:

Ich rede als zu Verständigen; beurteilt ihr, was ich sage. l.Korinther 10:15

Prüft aber alles, das Gute haltet fest! Thessalonicher 5:21,22

Befleißige dich, dich Gott bewährt darzustellen als einen Arbeiter, der sich nicht zu schämen hat, der das Wort der Wahrheit in gerader Richtung schneidet. 2.Timotheus 2:15

Sie untersuchten täglich die Schriften, ob es sich also verhielte. Apostelgeschichte 17:11

Ohne Zweifel spricht die Schrift in vielen Fällen, wenn es um sehr wichtige und grundlegende Dinge geht, so deutlich, dass jeder Bereitwillige es ohne weiteres verstehen kann. Jeder Mensch kann auf diese Weise lernen und die ersten Schritte auf dem Heilsweg gehen. Es wird jedoch schwieriger, wenn es darum geht, die weiterführende Lehre gut zu begreifen, wenn von Institutionen, Vorschriften, Gebräuchen und dem gesellschaftlichen Leben die Rede ist. Es genügt nicht, zu sagen, dass dieses oder jenes in der Bibel steht. Man muss sehr genau unterscheiden, an wen bestimmte Worte gerichtet wurden, und um welche "Heilszeit" es sich handelt. Gott selbst verändert sich zwar nie, aber die Umstände auf der Erde verändern sich; dementsprechend führt Gott auch auf verschiedene Art und Weise.

Er spricht auch zu dem geistlichen Kind nicht so wie zu dem vollerwachsenen Mann. Seine Vorschriften wurden nicht immer und einem jeden gegeben. So muss das Volk Israel Gesetze und Vorschriften beachten, die in dieser Absolutheit für die Nationen nicht gelten. Es gab eine Zeit, in der die Jünger des Herrn nichts mit sich nehmen durften, wenn sie auf Reise gingen - nicht einmal Geld und vor allem keine Waffen. Zu einem anderen Zeitpunkt änderte jedoch der HERR selbst diese Anweisung, vergleiche Lukas 22:35-36 mit Lukas 9:3. Es ist also nicht genügend, den einen oder anderen Text auszusuchen und anzuwenden, egal auf wen und welche Zeit. Man muss die Bibel als eine Gesamtheit sehen, in der jedes Teil seinen richtigen Platz hat. Man muss also die Schrift studieren und Studierender bleiben.

Aber dieses Problem hat noch eine andere Seite. Die Bibel drückt in normaler, menschlicher Sprache aus, was Gott uns sagen will. Deswegen wurden die Naturerscheinungen so beschrieben, wie sie sich dem Menschen darstellen: "Die Sonne geht auf". Es ist keineswegs ein Fehler oder Irrtum, sich auf diese Art und Weise auszudrücken, solange man nicht behauptet, die Erscheinung objektiv zu beschreiben, wie sie in der Wirklichkeit abläuft. Es ist verständlich, dass Gott sich der gängigen Sprache bedienen "musste", um verstanden zu werden. Diese Sprache kennt auch viele Stilfiguren und Redewendungen.

Nun wir müssen die Schrift zwar buchstäblich auffassen, doch es besteht auch eine Gefahr, wenn man gewisse subjektive Ausdrücke und Sprachfiguren zu buchstäblich auffassen. Man erinnere sich an das Drama, als es um die Frage ging, ob die Erde unbeweglich ist oder nicht: Weil man an einer zu buchstäblichen Auslegung der Schrift festhielt, meinte man, die Erde sei unbeweglich und verurteilte den Mann, der das Gegenteil behauptete. Auf diese Weise läuft der unverständige Gläubige Gefahr, einen Irrtum zu verteidigen!

Wichtig ist, dass wir jegliche philosophische oder kirch­liche Norm zurückstellen und die Schrift durch die Schrift auslegen. Die wissenschaftliche Methode führt dazu, alles so buchstäblich wie möglich zu verstehen und nur dann Bildersprache oder subjektive Aus­drucksweise anzunehmen, wenn die Schrift selbst uns dazu Anlass gibt.

Wir müssen also "erwachsen" werden, nicht allein in der Liebe, sondern auch im Verstand, denn Gott ist nicht nur Liebe, sondern auch Wahrheit. Lasst uns also ganz die Wahrheit liebhaben. Die Wahrheit ist auch ein Objekt unseres Verstandes. Man muss weder die Liebe dem Verstand opfern, noch den Verstand der Liebe, diese beiden können sich vielmehr nur dann entfalten, wenn sie sich gegenseitig stützen und ergänzen.


Wissenschaftliche Bibelauslegung

 

1. Den Originaltext der Bibel untersuchen

·         Es ist ein Grundsatz jeder Wissenschaft, dass ihre Untersuchungs­ methoden dem Gegenstand angepasst sein müssen, dem sie sich zuwendet: Ich kann den Mond nicht mit einer Lupe beobachten, und Bücher nicht mit der Küchenwaage erforschen!

·         Zeitens sollen die Untersuchungsmethoden und ihre Ergebnisse für jedermann nachvollziehbar und kontrollierbar, wiederholbar sein.

Da wir es bei der Bibel mit einem fremdsprachigen Text zu tun haben, ist es eigentlich selbstverständlich, dass wir von der Originalsprache ausgehen, also im Falle des Alten Testamentes den Hebräischen Text untersuchen, im Falle des Neuen Testamentes den Griechischen.

·         Für das Alte Testament legen wir die "Biblia Hebraica Stuttgartensia" zugrunde, die sowohl in Deutschland, an den Universitäten, als auch weltweit als hervorragender, repräsentativer Text anerkannt ist und sich praktisch mit demjenigen deckt, der auch vom jüdischen Volk verwendet wird.

·         Für das Neue Testament verwenden wir den Text von Nestle-Aland, für den sinngemäß dasselbe gilt.

2. Die anerkannten Wörterbücher

Was liegt, wenn man einen fremdsprachlichen Text untersucht, näher, als die anerkannten Wörterbücher zu Rate zu ziehen? Bei aller Vorsicht, die bei ihrer Benutzung geboten ist - denn in Wörterbücher fließen schon menschliche Lehrmeinungen und Deutungen mit ein - ist es doch sinnvoll, den Sprachexperten, die sie verfasst haben, ein gewisses Grundvertrauen entgegenzubringen. Jedenfalls haben sie sich jahrelang mit den Originalsprachen befasst und dabei einiges an Wissen und Erfahrung gesammelt. Die hier hauptsächlich verwendeten und allgemein als Standardwerke anerkannten Lexika sind:

Altes Testament (hebräische und aramäische Schriften)

·         Wilhelm Gesenius
HEBRÄISCHES UND ARAMÄISCHES HANDWÖRTERBUCH ÜBER DAS ALTE TESTAMENT. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1962.

·         Ludwig Koehler und Walter Baumgartner    
LEXICON IN VETERIS TESTAMENTI LIBROS     
E.J.Brill, Leiden 1958. ISBN 9004 03522 2.

Für das Neue Testament (Griechisch)

·         Menge und Güthling
Langenscheidts Großwörterbuch Griechisch-Deutsch
mit Eymologie
Berlin, München, 24.Auflage 1981. ISBN 3-468-02030-9.

Wir müssen die Ausführungen der "Experten" jedoch nicht ungeprüft schlucken, sondern wir haben mehrere Möglichkeiten, ihre Gedanken nachzuvollziehen:

3.) Etymologie = die Herkunft der Wörter

a.) Aus welcher Wurzel ein Wort gebildet ist, wirft natürlich viel Licht auf die Bedeutung des betreffenden Wortes: Zum Beispiel kommt "Gebäck" von "backen" oder xxx. So, wie man mit einem etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache tieferen Einblick in unseren Wortschatz bekommen kann, gilt dies auch für die Sprachen der Bibel.

b.) Verwandte Wörter derselben Sprache

Dazu gehört auch, verwandte Wörter derselben Sprache zu finden. In diesem Fall kann man verwandte Wörter in der Bibel suchen und vergleichen, was sie für eine Bedeutung haben.

c.) Verwandte Wörter in anderen, verwandten Sprachen

Schließlich kann man verwandte Wurzeln oder Wörter anderer Sprachen heranziehen, wobei die einschlägigen Wörterbücher eine Hilfe sind. Dabei muss man natürlich eine gewisse Vorsicht walten lassen, da hier die Grenze zu anderen Texten und Kulturen als dem Umfeld der Bibel überschritten wird und leicht fremdes Gedankengut in den Bibeltext hineingetragen werden kann, das dort original gar nicht vorliegt.

3. Die Verwendung der Wörter in der Bibel: Konkordanz

Die natürliche Methode, mit der jedes Kind seine Muttersprache erlernt, besteht darin, die Bedeutung einzelner Worte in immer neuen Zusammenhängen zu erfassen: Immer wieder hören wir Wörter in verschiedenen Zusammenhängen, und so lernen wir verstehen, was ein "Fuß-Ball" mit dem "Feuer-Ball" der untergehenden Sonne gemeinsam hat, oder dass es sowohl den "Frühstücks-Teller" als auch den "Hand-Teller" gibt.

Auf die Bibel angewandt bedeutet dies, dass man alle Vorkommen eines Wortes anhand der "Konkordanz" untersucht. Dies ist ein Buch, (heute oft auch ein Computerprogramm) das alle Stellen wiedergibt, in denen ein Wort in der Bibel vorkommt. Es gibt sehr hilfreiche Konkordanzen für deutsche Bibeln, aber wenn man "wissenschaftlich" vorgehen will, muss man natürlich auf die Originalsprachen der Bibel zurückgreifen. Hierfür gibt es sehr gute Hilfen, die es auch Menschen ohne Hebräisch- oder Griechischkenntnisse ermöglichen, mit der Konkordanz zu arbeiten.

Wer einigermaßen Englisch kann:

·         Englishman’s Greek Concordance of the New Testament

·         Englishman’s Hebrew Concordance of the Old Testament

Wer Geld hat und mit dem Computer umgehen kann:

·         Bible Works (www.bibleworks.com) - einfach super!

Um meine Auslegungen - besonders, wenn sie von den gängigen Lehrmeinungen abweichen - für jedermann überprüfbar zu machen, gebe ich bei zentralen Wörtern entweder alle Bibelstellen an, in denen sie vorkommen oder verweise auf die Wörterbücher, die ja meist eine Mischung von Etymologie und Konkordanz darstellen.

4. Der Textzusammenhang!

Haben wir die einzelnen Wörter so analysiert, halten wir sozusagen die einzelnen Bausteine in Händen, die im Text jedoch in einem Gefüge eingebaut sind. Wir dürfen sie nicht aus dem Zusammenhang reißen, sonst zerstören wir die ganze Struktur. Vielmehr müssen wir, wie ein Archäologe bei einer Ausgrabung, die Lage der einzelnen Fundstücke genau berücksichtigen. Es ist naheliegend, dass wir dabei in immer weiter werdenden Kreisen arbeiten:

·         Wir beginnen mit dem unmittelbaren Satz,

·         dann betrachten wir den Abschnitt, in dem er liegt,

·         dann das größere Umfeld, z.B das Kapitel,

·         dann das ganze Buch (zum Beispiel Genesis/1.Mose bzw. Fünf Bücher Mose), zu dem er gehört.

·         Schließlich müssen wir ihn in den Gesamtrahmen des jeweiligen Testamentes (Altes bzw. Neues) stellen, bzw. ihn im Licht der ganzen Bibel sehen, die ja als historisches Dokument eine Einheit darstellt und in ihrer seit Jahrtausenden vorliegenden Fassung der Gegenstand unserer Forschung ist.

5. Naturwissenschaftliche Fakten, Geschichtswissenschaft

Gerade an der Übergangsstelle von der reinen Textbetrachtung hin zur Anwendung in unserem eigenen Leben stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit:

·         Decken sich die Aussagen der Bibel auch mit der Realität, wie sie sich uns selber persönlich und in den gesicherten Erkenntnissen der Naturwissenschaften präsentiert?

·         Ist der Text der Bibel historisch richtig und zuverlässig, stimmen seine Aussagen mit den Ergebnissen der Geschichtswissenschaften überein?

Genau an dieser Stelle entscheidet sich oftmals, ob wir das Wort Gottes wirklich annehmen werden oder nicht. Denn was man nicht für wahr hält, wird man weder glauben noch in die Tat umsetzen wollen. Der "Abgleich" mit der Realität ist auch eine wichtige Hilfe um festzustellen, ob wir den Text richtig verstanden haben. Wenn dieser "Test" nicht positiv verläuft, müssen wir beides überprüfen: Unser Verständnis der Bibel und unsere Sicht der Wirklichkeit.

Gott will nicht, dass wir leichtfertig glauben!

Jedenfalls entspricht es keinesfalls Gottes Wesen, "blinden Gehorsam" zu fordern. Er hat uns in seinem Bilde erschaffen, als vernunftbegabte Wesen, und er erwartet nicht, dass wir unseren Verstand "an der Garderobe abgeben", sondern dass wir von ihm Gebrauch machen, Markus 12:30. Im Gegenteil, Gott will nicht, dass wir Dinge leichtfertig glauben, nur weil sie unseren Bedürfnissen zu entsprechen scheinen oder sich gut anhören:

Prüft alles, das Gute haltet fest! 1.Thessalonicher 5:21

Glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind. Denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgegangen. 1.Johannes 4:1

Es ist bei weitem nicht alles Gold, was glänzt, schon gar nicht auf dem Gebiet der Religion. Haben wir darum keine Scheu, an der Fassade zu kratzen - das Echte braucht keinen Test zu scheuen:

Die Worte des HERRN sind reine Worte, Silber,   
am Eingang zur Erde geläutert, sieben Mal gereinigt. Psalm 12:7

So mancher, der das Wort Gottes recht schnell und problemlos aufnimmt, steht in der Gefahr, letztlich einen zu oberflächlichen Glauben zu haben, der den Realitätstest nicht besteht:

Bei dem aber auf das Steinige gesät ist, dieser ist es, der das Wort hört und es sogleich mit Freuden aufnimmt. Er hat aber keine Wurzel in sich, sondern ist nur ein Mensch des Augenblicks. Sobald Bedrängnis entsteht oder Verfolgung um des Wortes willen, nimmt er sogleich Anstoß. Matthäus 13:20-21

6. Konsequente Anwendung in der Praxis

Auf die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Bibeltextes folgt die zweite Frage: Wie werden sich die Lehren der Bibel auf mein Leben und letztlich die ganze Gesellschaft auswirken, wenn ich sie umsetze?

Das Reich Gottes gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Maß Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war. Lukas 13:21

Es ist nur vernünftig, sich Gedanken zu machen, welche Folgen unser Tun haben wird:

Denn wer unter euch, der einen Turm bauen will, setzt sich nicht vorher hin und berechnet die Kosten, ob er das Nötige zur Ausführung habe? Lukas 14:28

In jedem Fall ist eine gefährliche Sache, sich theoretisch mit Gottes Wort zu befassen, ohne es im eigenen Leben auch praktisch anzuwenden:

Seid aber Täter des Wortes, und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen! ...     
Wer aber in das vollkommene Gesetz, das der Freiheit, nahe hineingeschaut hat und darin bleibt, indem er nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter des Werkes ist, dieser wird glückselig sein in seinem Tun. Jakobus 1:22, vergleiche Matthäus 23:3

Wissen ist wichtig - Gewissen auch!

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich gezeigt, dass das größte Hindernis für wissenschaftlichen Fortschritt nicht so sehr mangelnde Bildung war, sondern der Charakter der Forscher, Lehrer und Machthaber: Sturheit, Angst vor Veränderungen, der Stolz, Bequemlichkeit, Ansehen bei den Menschen. Damit ist klar, dass die größten Hindernisse für das richtige Verständnis der Bibel nicht in der Güte des Textes oder der Wörterbücher liegen, sondern in uns selbst: Unsere eigenen Vorurteile und inneren Festlegungen, wie können wir sie überwinden?

Lernen wir von den Naturwissenschaftlern: Sie haben sich immer und immer wieder mit der Natur beschäftigt, und sie waren aus Liebe zur Wahrheit bereit, dazuzulernen, und zwar sowohl von ihren Forscherkollegen als auch von der Natur selber. Wenn wir uns beharrlich mit dem Wort Gottes beschäftigen und ebenfalls bereit sind, uns "etwas sagen zu lassen", und zwar sowohl von Gott als auch von anderen Gläubigen, dann werden wir neue Erkenntnisse machen, mit befreienden Folgen für unser ganzes Leben:

Wenn ihr in meinem Wort bleibt, dann seid ihr wirklich meine "Lehrlinge" (= Lernen und Tun).   
Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen! Johannes 8:31-32


Was die Konkordanz lehrt

 

Die Worte des HERRN sind reine Worte - Silber, am Eingang zur Erde geläutert, siebenmal gereinigt. Psalm 12:7

In der Regel sind genaue Übersetzungen wie die deutsche Elberfelder Bibel ein hervorragendes Mittel, um die Bibel zu verstehen. Aber der Originaltext der Bibel enthält immer wieder Feinheiten, die schwer direkt zu übertragen sind oder aber auch einfach aus menschlicher Begrenztheit beim Übersetzen verloren gegangen sind. Und sehr oft weisen die Wörter des Grundtextes eine Bedeutungsbreite auf, die sich nicht mit den deutschen Entsprechungen deckt. Eine gute Möglichkeit, dem Grundtext näher zu kommen, ist deshalb die Verwendung einer Konkordanz:

Eine Konkordanz listet der Reihe nach alle Stellen auf,
in denen bestimmte Wörter in der Bibel vorkommen.

Mit Hilfe der Konkordanz können wir herausfinden, wie ein spezielles Wort in der Bibel verwendet wird. Diese Methode entspricht dem Grundsatz, den Text für sich selber sprechen und die Bibel durch sich selber auslegen zu lassen:

Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir die Dinge kennen, die uns von Gott geschenkt sind.
Davon reden wir auch, nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den Geist, indem wir Geistliches durch Geistliches deuten. 1.Korinther 2:12-13

Übrigens ähnelt diese "konkordante Methode" der Art und Weise, wie jeder Mensch seine Muttersprache erlernt: Er hört bestimmte Wörter immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen und lernt dabei ihren Bedeutungsgehalt kennen. So versteht ein Kind sehr schnell die Grundbedeutung von "Ball", wenn es im Laufe der Zeit einen Fußball, Handball, Tennisball kennenlernt, so dass ihm später auch Begriffe wie "Fleischbällchen" oder "Feuerball" keine Probleme bereiten.

Der Vorteil der Konkordanz ist, dass man sich ziemlich unmittelbar aus dem Bibeltext heraus einen Eindruck verschaffen kann, was die einzelnen Wörter bedeuten und wie sie verwendet werden. Man bekommt einen Überblick über ihr biblisches Bedeutungsspektrum, das im deutschen Text übersetzungsbedingt häufig nicht so klar herauskommt. Je genauer wir auf die Worte achten, die der heilige Geist eingegeben hat, desto lebendiger wird die Schrift. Doch beginnen wir am einfachsten mit einem Beispiel:

állos =         anders - im Sinne von:      
           nicht dasselbe, eigene, aber von derselben Art

héteros =     anders - im Sinne von:
        andersartig, wesensverschieden

In der Schrift "Was die Konkordanz lehrt" sind alle Vorkommen dieser beiden griechischen Worte im Neuen Testament nach dem Text der Elberfelder Übersetzung aufgelistet, állos fettgedruckt, héteros unterstrichen. Beide Worte werden in den meisten Fällen mit "anders" übersetzt, wodurch manchmal doch etwas verlorengeht:

Ich aber sage euch: Widerstehet nicht dem Bösen, sondern wer irgend dich auf deinen rechten Backen schlagen wird, dem biete auch den anderen dar. Matthäus 5:39

Die rechte Backe ist von anderer Art als die linke. Denn um einen auf die rechte Backe zu schlagen, muss man (als Rechtshänder) mit dem Handrücken zuschlagen. Es handelt sich bei dem Schlag auf die rechte Backe also weniger um einen körperlichen Angriff, sondern mehr um eine Beleidigung, um eine Demütigung. Bietet man danach auch noch die andere, die linke Backe dar, muss man schon mit einem heftigeren Schlag rechnen.

Nun ein Beispiel für die Verwendung von "állos = nicht dasselbe, aber von derselben Art":

Und als sie im Traum eine göttliche Weisung empfangen hatten, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen (állos = nicht derselbe) Weg hin in ihr Land. Matthäus 2:12

Sie gingen einfach nicht auf demselben Weg zurück, das genügte, um Herodes zu umgehen.

Ist aber nicht ebenso auch Rahab, die Hure, aus Werken gerechtfertigt worden, da sie die Boten aufnahm und auf einem anderen (héteros = andersartigen) Weg hinausließ? Jakobus 2:25

Während die Kundschafter ganz normal durch Rahabs Haustür zu ihr hineingekommen waren, gingen sie auf einem ganz andersartigen, ungewöhnlichen Weg wieder hinaus, nämlich durch das Fenster, Josua 2:15; vergleiche Johannes 10:1.

Und Levi machte ihm ein großes Mahl in seinem Hause; und daselbst war eine große Menge Zöllner und anderer (állos = gleichartiger), die mit ihnen zu Tische lagen. Lukas 5:29

Die "anderen" waren demnach von derselben Art wie die Zöllner, also auch Sünder. In Vers 30 fragen dann auch die Pharisäer: "Warum esset und trinket ihr mit den Zöllnern und Sündern?"

Ein Anderer (állos = gleichartiger) ist es, der von mir zeugt, und ich weiß, dass das Zeugnis wahr ist, das er von mir zeugt. Johannes 5:32

Nach Vers 37 ist der "Andere" der Vater. Man sieht also, wie wichtig es ist, die richtigen Worte zu gebrauchen: er ist wohl ein anderer, aber sein Wesen ist dasselbe, er ist Gott.

Und als sie (die Pächter) ihn (den Sohn des Herrn) aus dem Weinberg hinausgeworfen hatten, töteten sie Ihn. Was wird nun der Herr des Weinberges ihnen tun? Er wird kommen und diese Weingärtner umbringen und den Weinberg anderen (állos = gleichartigen) geben." Lukas 20:15-16

Diese Stelle zeigt deutlich, dass Gott trotz der Untreue der "Weingärtner" nicht ganz Israel verwirft, sondern Menschen von derselben Art, also wieder Juden, über seinen "Weinberg" Israel setzten wird, vergleiche Jesaja 5:7.

Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen (állos = gleichartigen) Sachwalter geben, dass er bei euch sei bis in den Äon hinein. Johannes 14:16

Dieser Sachwalter ist also von demselben göttlichen Wesen wie Jesus, nämlich der heilige Geist. Auch wird ganz deutlich, dass der heilige Geist persönlich ist, denn wenn Christus eine Person ist, so muss dies auch für den "anderen" Sachwalter gelten.

Wir meinen, dass diese Beispiele uns zeigen, wie wichtig es ist, die ge­naue Bedeutung der Worte zu berücksichtigen, und wie einfach eine der­artige Untersuchung ist, bei der Gottes Wort unsere Autorität darstellt. Betrachten wir nun einige Fälle, in denen das Wort "héteros" gebraucht wird. Oftmals wird deutlich, dass die Bedeutung ist: "andersartig".

Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhangen und den anderen verachten. Ihr könnet nicht Gott dienen und dem Mammon." Matthäus 6:24

Es geht um zwei ganz verschiedenartige Herren: Gott und den Mammon.

Und ein Schriftgelehrter kam herzu und sprach zu ihm: Lehrer, ich will Dir nachfolgen, wohin irgend du gehst ... Ein anderer aber von seinen Jüngern sprach zu Ihm: "Herr, erlaube mir, zuvor hinzugehen und meinen Vater zu begraben." ·Matthäus 8:19-21

Der Unterschied in der Entschlossenheit, dem Lehrer zu folgen, also in der geistigen Einstellung, ist deutlich zu erkennen.

(Johannes der Täufer): Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen (héteros = andersartigen) warten?" Matthäus 11:3

Johannes war sich nicht mehr sicher, ob Jesus der Christus war. War er nicht der Gesalbte, so wäre er nur ein gewöhnlicher Mensch, so dass sie auf jemanden warten müssten, der nicht "állos" war, also wieder ein Mensch, sondern "héteros", nicht von derselben Art, nämlich Gottes Sohn.

Ich sage euch: In jener Nacht werden zwei auf einem Bett sein; einer wird genommen und der andere gelassen werden. Lukas 17:34

Dass es ganz verschiedene Arten von Menschen sind, nämlich solche, die die Welt lieben, und andere, die Gott mehr lieben als ihr eigenes Leben, ist der Grund, warum der eine genommen und der andere gelassen wird.

Der andere aber antwortete und strafte ihn und sprach: Auch du fürchtest Gott nicht, da du in demselben Gericht bist?" Lukas 23:40

Dieser Übeltäter erkannte Christus, der andere nicht.

Denn dies geschah, auf dass die Schrift erfüllt würde: "Kein Bein von ihm wird zerbrochen werden" (Psalm 34:20; Exodus 12:46). Und wiederum sagt eine andere Schrift: "Sie werden den anschauen, welchen sie durchstochen haben" Sacharja 12:10, Johannes 19:36-37

Die erste Schrift war bereits erfüllt, die zweite noch nicht.

Denn es steht im Buch der Psalmen geschrieben: «Seine Wohnung werde öde, und es sei niemand, der darin wohne»! und: «Sein Aufseheramt empfange ein anderer.» Apostelgeschichte 1:20

Ein andersartiger, nämlich einer, der Jesus nicht verraten hatte, musste Judas ersetzen, Matthias.

Als aber die Zeit der Verheißung nahte, welche Gott dem Abraham zu­gesagt hatte, wuchs das Volk und vermehrte sich in Ägypten, bis ein anderer König über Ägypten aufstand, der Joseph nicht kannte. Dieser handelte mit List gegen unser Geschlecht und misshandelte die Väter, sodass sie ihre Säuglinge aussetzen mussten, damit sie nicht am Leben b1ieben. Apostelgeschichte 7:17-19

Dieser König kannte nicht nur Joseph nicht, sondern er war auch von einer anderen Art als die vorherigen. Die Hyksos verloren ihre Macht und ein echter Ägypter kam an die Regierung, der den Israeliten nicht mehr wohlgesonnen war.

Denn ich habe Wohlgefallen an dem Gesetz Gottes nach dem inneren Menschen; aber ich sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Sinnes widerstreitet und mich in Gefangenschaft bringt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Römer 7:22-23

Deutlich betont das wort "héteros" die Andersartigkeit des zweiten Gesetzes, das dem ersten entgegengesetzt ist.

Besonders interessant ist der folgende Text, in dem beide Worte direkt nebeneinander gebraucht werden, wodurch ihre Bedeutungsunterschiede deutlich werden und einen Unterschied für das Verständnis des Textes ausmachen, der in der deutschen Übersetzung leider nicht so klar herauskommt:

Ich wundere mich, dass ihr euch so schnell von dem, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, abwendet zu einem anderen (griechisch: héteros = andersartig) Evangelium, wo es doch kein anderes (állos = anders, gleichartig) ist; einige verwirren euch nur und wollen das Evangelium des Christus umkehren. Galater 1:6-7

In der Schrift gibt es viele "Frohe Botschaften" (griechisch euangélion), doch sind alle von derselben, göttlichen Art. Doch im Galaterbrief kämpft der Apostel Paulus darum, dass die Christen der Gemeinden von Galatien erkennen sollten, dass das Evangelium, das einige unter ihnen verkündigten "andersartig" war, nämlich menschlichen Ursprungs, verdreht und wesensverschieden vom ursprünglichen Evangelium, indem es nämlich die Errettung aufgrund von Werken, nicht durch Gnade lehrte.

Auch in Korinth traten Prediger mit dem Anspruch auf, (denselben) Jesus zu verkündigen wie die richtigen Apostel, taten es jedoch in Wahrheit nicht, sondern predigten ein andersartiges (héteros) Evangelium. Wer sich dem öffnete - und scheinbar taten dies sehr viele -, empfing einen andersartigen Geist, der nicht von Gott war, wahrscheinlich einen "religiösen", scheinchristlichen (anti-christlichen) Geist, 1.Johannes 2;18,22; 4:3; 2.Johannes 1:7:

Denn wenn der, welcher kommt, einen anderen (állos = nicht denselben) Jesus predigt, den wir nicht gepredigt haben, oder ihr einen anderen (héteros) Geist empfangt, den ihr nicht empfangen habt, oder ein anderes (héteros) Evangelium, das ihr nicht angenommen habt, so ertragt ihr das recht gut. 2.Korinther 11:4

Darum gab Paulus seinem Schüler Timotheus den Auftrag, alle Menschen, die andersartige Lehren in Gottes Wort hineinlesen wollten, zurechtzuweisen:

So bat ich dich, als ich nach Mazedonien abreiste, in Ephesus zu bleiben, damit du einigen Weisung erteilen solltest, nichts anderes zu lehren (hetero-didaskaléo). 1.Timotheus 1:3

Wenn jemand anders lehrt (hetero-didaskaléo) und sich nicht zuwendet den gesunden Worten unseres Herrn Jesus Christus und der Lehre, die gemäß der Gottseligkeit ist, so ist er aufgeblasen und weiß nichts ... 1.Timotheus 6:3

Nun noch Beispiele, in denen "állos" verwendet wird, dass man in vielen Stellen am besten mit "anderes, von derselben Art" übersetzen könnte:

Vom Markt kommend, essen sie nicht, wenn sie sich nicht gewaschen haben; und vieles andere (gleichartige Dinge, nämlich äußerliche Riten) gibt es, was sie zu halten übernommen haben: Waschungen der Becher und Krüge und Kupfergefäße ... Markus 7:4

Und Levi machte ihm ein großes Mahl in seinem Haus; und da war eine große Menge von Zöllnern und anderen (gleichartigen, nämlich allgemein als sündig angesehenen Menschen), die mit ihnen zu Tisch lagen. Lukas 5:29

Von den Propheten aber sollen zwei oder drei reden, und die anderen (gleichartigen, die nämlich auch prophetisch begabt sind) sollen urteilen. Wenn aber einem anderen (gleicher Art), der dasitzt, eine Offenbarung zuteil wird, so schweige der erste. 1.Korinther 14:29-30

Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen (gleichartigen wie mich) Beistand geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit ... Johannes 14:16

Wir wissen, dass der Heilige Geist eine andere "Person" ist als Jesus, aber er ist "von derselben Art", nämlich Gott.

Ein anderer (állos) ist es, der von mir zeugt, und ich weiß, dass das Zeugnis wahr ist, das er von mir zeugt. Johannes 5:32

Der Textzusammenhang macht klar, dass dieser andere nicht menschlicher Natur ist, Johannes 5:34, es handelt sich um den Vater selbst, Johannes 5:37. Er ist "állos = nicht derselbe" wie Jesus, sonst könnte er auch nicht Zeuge für ihn sein, aber "von derselben Art", nämlich Gott.

Nun noch einige andere Stellen, in denen das griechische "héteros = andersartig" verwendet wird und dort einen besonderen Sinn ergibt:

Wenn sie euch aber verfolgen in dieser Stadt, so flieht in die andere! Denn wahrlich, ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein, bis der Sohn des Menschen gekommen sein wird. Matthäus 10:23

Es ist sinnvoll, nicht in die nächste andere Stadt gleicher Art zu fliehen, wo man wieder verfolgt würde, sondern in eine andersartige Stadt zu fliehen, wo man Aussicht darauf hat, in Frieden aufgenommen zu werden.

Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer und der andere ein Zöllner. Lukas 18:10

Dies waren nicht nur äußerlich ganz andersartige Menschen, sondern auch im zentralen Wesenszug: Der eine war selbstgerecht, der andere berief sich auf Gottes Barmherzigkeit.

Und er trat hin zu dem zweiten (wörtlich: anderen) und sprach ebenso. Der aber antwortete und sprach: Ich gehe, Herr; und er ging nicht. Matthäus 21:30

Die beiden Söhne im Gleichnis waren wirklich wesensverschieden: Der eine verweigerte zuerst den Gehorsam, besann sich dann jedoch eines besseren und tat, um was er gebeten worden war. Der zweite gab sich gefügig, tat aber letztendlich doch nicht, worauf es ankam.

Frauen erhielten ihre Toten durch Auferstehung wieder; andere (állos) aber wurden gefoltert, da sie die Befreiung nicht annahmen, um eine bessere Auferstehung zu erlangen. Hebräer 11:35

Hebräer 11 listet unter den Glaubenshelden nicht nur jene auf, die alle Feinde besiegten und auf wundersame Weise gerettet wurden, sondern auch solche, die von ihren Feinden getötet wurden und unsägliches litten. Äußerlich waren sie ganz verschieden, aber im Kern ihres Wesens waren sie von "derselben Art", sie waren alle Glaubenshelden. Das kann ein Trost sein für die unter uns, deren Leben nicht so "erfolgreich" verläuft, wie wir es vielleicht gerne hätten.

Man sieht also, dass der griechische, inspirierte Text an allen Stellen das richtige Wort gebraucht. Wie lohnend ist es doch, den Originaltext zu untersuchen und die ursprüngliche Leuchtkraft seiner Worte wieder zu entdecken!

Bei allen Unterschieden zwischen den beiden Worten "állos" und "héteros" ist doch klar, dass es Fälle gibt, in denen sich ihre Bedeutungen überlappen. Darum kommt es, wenn auch selten, vor, dass ein Evangelium im selben Zusammenhang ein anderes Wort verwendet als das parallele. Zum Beispiel:

Und anderes (héteros) fiel auf den Felsen; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und indem die Dornen mit aufwuchsen, erstickten sie es. Und anderes fiel in die gute Erde und ging auf und brachte hundertfache Frucht. Als er dies sagte, rief er aus: Wer Ohren hat zu hören, der höre! Lukas 8:6-8

Anderes (állos) aber fiel auf das Steinige, wo es nicht viel Erde hatte; und sogleich ging es auf, weil es nicht tiefe Erde hatte. Als aber die Sonne aufging, wurde es verbrannt, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es.
Anderes (állos) aber fiel unter die Dornen; und die Dornen sprossen auf und erstickten es.  
Anderes (állos) aber fiel auf die gute Erde und gab Frucht: das eine hundert-, das andere sechzig-, das andere dreißigfach. Matthäus 13:5-8


Der Ausdruck "Tohuwabohu"

 

Ein Schlüssel zum Verständnis der ganzen Bibel

Gleich im zweiten Satz der Bibel wird eine wichtige Aussage über die Erde gemacht, die von entscheidender Bedeutung ist:

Und die Erde wurde tohu-wa-bohu ... Genesis 1:2

Im Deutschen gebrauchen wir diesen Ausdruck, um ein totales Durcheinander, ein Chaos, zu beschreiben. Die entscheidende Frage an dieser Stelle ist folgende: Bezeichnet "tohuwabohu" einen guten "Rohzustand" der gerade erst erschaffenen Erde, oder bezeichnet er eine Zerstörung durch Sünde? Wir können natürlich nicht vom deutschen Sprachgebrauch ausgehen, wenn wir diese wichtige Frage klären wollen. Entscheidend ist vielmehr, was diese Worte im Hebräischen bedeuten. Und hier kommt uns wieder die Konkordanz zur Hilfe:

Das Wort tohu kommt 20 Mal im Alten Testament vor und wird übersetzt mit: Wüste, Einöde, vergeblich, Eitelkeit, Leere, Nichtigkeit, Verwüstung. Das Wort bohu kommt nur noch an zwei weiteren Stellen vor, beide Male zusammen mit tohu, so wie in Genesis 1:2:

Und Edoms Bäche verwandeln sich in Pech und sein Boden in Schwefel, und sein Land wird zu brennendem Pech ... Trümmern ... Und er spannt darüber die Messschnur der Öde (tohu) und das Senkblei der Leere (bohu). Jesaja 34:11

Ich schaue die Erde an, und siehe, sie ist wüst und leer (tohu wabohu), und zum Himmel, und sein Licht ist nicht da. Die Berge beben, und alle Hügel schwanken. Kein Mensch ist da, und alle Vögel des Himmels sind entflohen. Ich schaue, und siehe, das Fruchtland ist eine Wüste, und alle seine Städte sind niedergerissen vor der Glut seines Zornes ... Darum wird die Erde trauern, und der Himmel oben schwarz werden. Jeremia 4:23

Beide Male ist im Textzusammenhang von verheerenden Katastrophen die Rede, die Verwüstung über ein Land bringen. Tohu und bohu sind dabei "Messschnur und Senkblei", also der Inbegriff von Zerstörung und Verwüstung:

Der Ausdruck "wüst" (tohu) und das Beiwort "leer" (bohu) bezeichnen nicht nur etwas Formloses oder Gestaltloses. Vielmehr dient tohu zur Beschreibung einer grauenhaften, unheimlichen, verderben­bringenden Wüste, einer angerichteten Verwüstung oder einer Nichtigkeit." (Westermann in seinem Genesis-Kommentar). F.Delitzsch kommt zu dem Ergebnis: "Klang und Bedeutung dieses Wortpaares ist grausig" Schneider "Urknall und Schöpfergott" S. 94

tohu - der Inbegriff von Gottesferne, Zerstörung und Mangel

Untersuchen wir die 17 übrigen Stellen, in denen tohu vorkommt (alle Bibelstellen im Anhang dieses Kapitels), dann stellen wir fest:

·          Tohu ist ein Name für den Abfall von Gott, für die Nichtigkeit aller Geistes­haltungen, die sich von Gott ab- und dafür Geschöpfen oder Ideologien zuwenden.

·          In zweiter Linie steht Tohu für die Verwüstung, die auf den Abfall folgt. Denn die Abwendung von der Quelle des Lebens und des Friedens führt logisch zu Unordnung und Zerstörung.

·          Tohu steht in allen Vorkommen immer in engem Zusammenhang mit Ungerechtigkeit, Verirrung, Götzendienst, Finsternis und lebensfeindlicher Umgebung. Es ist ein Inbegriff für Untreue, Verrat und Götzendienst mit allen seinen Begleiterscheinungen: Täuschung, Verwirrung, Durcheinander, Orientierungslosigkeit, Ausweglosigkeit, Gottesferne, Gottesfeindschaft, Verehrung von dämonischen Mächten, Mangel, Leere, lebensfeindliche Umstände, Zerstörung und Vernichtung.

·          Nirgends wird ein tohu von Gott gewünscht, sondern stellt vielmehr immer eine Folge der Trennung von ihm dar und hat eindeutig einen negativen Beigeschmack!

·          Im Textzusammenhang wird dem Tohu oft die Bundestreue Gottes gegenübergestellt und die Rettung eines Überrestes versprochen, dem die Zukunft gehört.

·          Es gibt in der ganzen Bibel keine einzige Stelle, in der Tohu etwas Positives wäre. Im Gegenteil, es wird ausdrücklich betont, dass es von Gott nicht geschaffen wurde und auch niemals gewünscht war:

Der HERR hat die Himmel erschaffen (bara') ... Er hat die Erde gegründet - nicht tohu hat er sie (die Erde) erschaffen (bara') ... Jesaja 45:18

Wir müssen also davon ausgehen, dass im zweiten Satz der Genesis etwas Schreckliches geschehen ist, das die Erde in eine Gottesferne gerückt hat. Was, wird an dieser Stelle nicht erklärt. Aber die ganze Bibel berichtet, wie Gott eine gefallene Schöpfung wiederherstellt. Bereits ab dem zweiten Satz stimmt irgend etwas nicht, das müssen wir beim Weiterlesen die ganze Bibel hindurch berücksichtigen!

Die Finsternis des Tohuwabohu

Und die Erde wurde tohu-wa-bohu, und Finsternis war über der Fläche der Wirbelflut ... Genesis 1:2

Zu dem Tohu-wa-bohu der Erde von Genesis 1:2 gehörte eine Finsternis, die scheinbar einen negativen Charakter hatte, denn Gottes erstes Handeln wirkte ihr entgegen: "Es werde Licht"! Nur die Helligkeit beurteilt Gott als gut, die Finsternis wird von dieser Wertung ausgenommen. Das lässt an eine andere Tohuwabohu-Stelle denken:

Ich schaue die Erde an, und siehe, sie ist tohu wa-bohu, - und zum Himmel, und sein Licht ist nicht da ... und der Himmel oben schwarz ... Jeremia 4:23

Die Wolken, die das Sonnenlicht von der Erde abhalten, sind ein Symbol dafür, dass die Auswirkungen von Gottes Kraft die Erde in einem Tohuwabohu nicht erreichen können.

Die Urerde aus naturwissenschaftlicher Sicht

Wahrscheinlich wurde die Erde durch dieselbe Katastrophe verwüstet, deren Einschläge und Krater man bis heute auf dem Mond sehen kann. Auf jeden Fall geht man heute davon aus, dass die Erde in der Frühzeit ihrer Entstehung tatsächlich eine Phase durchlaufen hat, in der sie komplett von Wasser bedeckt war, und dass die in jener Zeit vorhandene Gashülle der Erde eine von der heutigen Atmosphäre sehr verschiedene Zusammensetzung aufwies. So beschreibt Hoimar von Ditfurth den früheren Zustand der Erdoberfläche folgendermaßen:

Eine unglaublich dichte Atmosphäre, deren hoher Wasserdampfgehalt nicht einen Schimmer Sonnenlicht durchdringen ließ. Jahrtausendelang ununterbrochen anhaltende Wolkenbrüche, deren Gewalt wir uns nicht mehr vorstellen können. Dazu Temperaturen von mehr als 100 Grad Celsius und eine ununterbrochen in kochenden Wasserdampf eingehüllte Erdoberfläche. Heinz Schumacher "Urknall und Schöpfergott" Seite 103

Tohuwabohu, Finsternis und turbulente Wassermassen, die die ganze Erde bedecken - treffender könnte man einen derartigen Zustand nicht in Worte fassen.


Das Tohuwabohu und Römer 8

 

Wenn wir aber Kinder sind, so auch Erben, Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir anders mitleiden, auf dass wir auch mitverherrlicht werden. Denn ich halte dafür, dass die Leiden der Jetztzeit nicht wert sind, verglichen zu werden mit der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll.  
Denn das sehnsüchtige Harren der Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes. Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit (griechisch mataiótäs) unterworfen worden (nicht mit Willen, sondern um deswillen, der sie unterworfen hat), auf Hoffnung, dass auch selbst die Schöpfung freigemacht werden wird von der Knechtschaft des Verderbnisses zu der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes.     
Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung zusammen seufzt und zusammen in Geburtswehen liegt bis jetzt. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlinge des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns selbst, erwartend die Sohnschaft: die Erlösung unseres Leibes. Römer 8:17-23

Für Nichtigkeit in Römer 8:10 steht mataiótäs. Mit genau diesem Wort gibt die Septuaginta (LXX), die alte griechische Übersetzung, tohu in Jesaja 44:9,19; 49:4 und 59:4 wieder. Und Nichtigkeit ist genau das, womit auch die meisten deutschen Übersetzer und Wörterbücher 'tohu' wiedergeben! Von daher gibt es keine Probleme, die Unterwerfung der Schöpfung unter die Nichtigkeit mit dem Tohuwabohu von Genesis 1:2 zu identifizieren. In diesem Licht gesehen gibt der Textzusammenhang von Römer 8 tieferen Sinn.


Alle 20 Vorkommen von tohu in der Bibel

Genesis 1:2   Und die Erde war (oder: wurde) wüst und leer (tohuwabohu), und Finsternis war über der Urflut, und der Geist Gottes brütete über der Fläche der Wasser.

5.Mose 32:10   Gott fand Jakob (das Volk Israel) in der Wüste und in der Öde, im Geheul der Wildnis. Er umgab ihn, gab acht auf ihn, er behütete ihn wie seinen Augapfel. Wie der Adler sein Nest aufstört, über seinen Jungen schwebt, seine Flügel ausbreitet ...

1.Samuel 12:21 (2x)   Und weicht nicht ab und folgt nicht den nichtigen (Götzen) nach, die nichts nützen und nicht erretten können, weil sie nichtig sind!

Hiob 6:18   Zur Zeit, wenn sie (die trügerischen Bäche) wasserarm werden, versiegen sie ... Es werden Karawanen abgelenkt von ihrem Weg, ziehen hinauf in die Öde und kommen um.

Hiob 12:24   Den Häuptern des Volkes nimmt er den Mut, in wegloser Einöde lässt er sie umherirren.

Hiob 26:7   Der Scheol ist nackt vor ihm, und keine Hülle hat der Abgrund. Die Schatten beben unter den Wassern und ihren Bewohnern. Gott spannt den Norden aus über der Leere, hängt die Erde auf über dem Nichts ... Durch seine Kraft erregt er das Meer, und durch seine Einsicht zerschellt er Rahab.

Psalm 107:40   Und sie wurden wenig und beugten sich unter der Last von Unglück und Jammer. Er schüttete Verachtung auf Edle, er ließ sie umherirren in wegloser Einöde.

Jesaja 24:10   Darum hat der Fluch die Erde verzehrt, und es büßen, die auf ihr wohnen. Darum sind die Bewohner der Erde dahingeschwunden, und wenig Menschen bleiben übrig. ... Zertrümmert ist die öde Stadt, verschlossen jedes Haus, so dass niemand hineinkommt.

Jesaja 29:21   Und ausgerottet werden alle, die auf Unheil bedacht sind, die den Menschen in einer Rechtssache schuldig sprechen ... und mit nichtigen (Beweisgründen) den Gerechten aus seinem Recht verdrängen.

Jesaja 34:11   Denn einen Tag der Rache hat der HERR, ein Jahr der Vergeltungen für die Rechtssache Zions. Und Edoms Bäche verwandeln sich in Pech und sein Boden in Schwefel, und sein Land wird zu brennendem Pech ... Von Generation zu Generation liegt es in Trümmern ... Und er spannt darüber die Messschnur der Öde (tohu) und das Senkblei der Leere (bohu) ... und alle seine Obersten nehmen ein Ende.

Jesaja 40:17,23   Alle Nationen sind wie nichts vor ihm und gelten ihm als nichtig und leer. Gott ist es, der ... die Fürsten dem Nichts anheimgibt, die Richter der Erde der Nichtigkeit gleichmacht.

Jesaja 41:29   Siehe, sie alle sind Betrug. Nichtigkeit sind ihre Machwerke, Wind und Leere ihre gegossenen Bilder.

Jesaja 44:9   Die Bildner von Götterbildern sind allesamt nichtig, und ihre Lieblinge nützen nichts.

Jesaja 45:18,19   Denn so spricht der HERR, der die Himmel geschaffen hat - er ist Gott, der die Erde gebildet und sie gemacht hat - er hat sie gegründet, nicht als eine Öde hat er sie geschaffen, sondern zum Bewohnen hat er sie gebildet. Ich sprach zu den Nachkommen Jakobs nicht: Sucht mich vergeblich.

Jesaja 49:4   Ich aber sagte: Umsonst habe ich mich abgemüht, vergeblich und für nichts mein Kraft verbraucht. Doch mein Recht ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.

Jesaja 59:4   Niemand lädt vor in Gerechtigkeit, und niemand tritt vor Gericht in Wahrhaftigkeit: Auf Leeres vertrauen, Gehaltloses reden, müt Mühsal schwanger gehen, Unrecht zeugen.

Jeremia 4:23   Denn mein Volk ist närrisch, mich kennen sie nicht ... Weise sind sie, Böses zu tun, aber Gutes zu tun verstehen sie nicht. Ich schaue die Erde, und siehe, sie ist wüst und leer (tohuwabohu), - und zum Himmel, und sein Licht ist nicht da. Ich schaue die Berge, und sieh, sie beben, und alle Hügel schwanken. Ich schaue, und siehe, kein Mensch ist da, und alle Vögel des Himmels sind entflohen. ... Öde soll das ganze Land werden, doch will ich nicht ein Ende mit ihm machen. Darum wird die Erde trauern, und der Himmel oben schwarz werden.

Darf die Naturwissenschaft
die Bibelauslegung beeinflussen?

 

Die Menschheit hat den Auftrag, sowohl das Wort, als auch die Schöpfung Gottes zu erforschen:

Forscht im Buch des HERRN nach und lest! (Jesaja 34:16)

Groß sind die Werke des HERRN - zu erforschen von allen, die Lust an ihnen haben. (Psalm 111:2)

Da die beiden Wissensgebiete niemals vollständig voneinander zu trennen sind, stellt sich die Frage: Ist es zulässig, dass naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse Auswirkungen auf unsere Bibelauslegung haben? Können wir unsere Deutung der Bibel durch naturwissenschaftliche Beobachtungen überprüfen oder sie gar beeinflussen? Das sind Fragen, die wir am besten der Bibel selber stellen.

Tragische Irrtümer bei "Theologen" und "Frommen"

Die Auslegung des Wortes Gottes war schon immer ein heiß umkämpftes Gebiet. Im Laufe der Zeit bildete sich in Israel eine Führungsschicht von Priestern und professionellen Theologen heraus, die mehr oder weniger ein Monopol der Bibelauslegung für sich beanspruchten:

Auf Moses Lehrstuhl haben sich die Schriftgelehrten und die Pharisäer gesetzt. Matthäus 23:1ff

Leider lagen sie in zentralen Lehraussagen falsch, auch wenn sie dies mit reichlich Bibelzitaten untermauerten, oder besser gesagt: übertünchten. Zur Zeit des Neuen Testamentes war ihr Bild von Gott genauso verzerrt wie ihre Erwartungen an den Messias. Insofern war es kein Wunder, sondern regelrecht vorprogrammiert, dass sie Jesus nicht erkannten. Ihre Lehre, die auf Macht und Ansehen abzielte, war selbst bis in die Kreise der Jünger Jesu eingedrungen, obwohl Jesus sie ausdrücklich davor gewarnt hatte:

Seht zu und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer ... (nämlich ihrer Lehre, Matthäus 16:6,12)

Auch sie trachteten nach Ministerposten und Ruhm, während Jesus sie auf das kommende Reich Gottes vorbereiten wollte (Johannes 13:13, Lukas 9:44-46).

Zusammenprall mit der Realität

Ganz weltliche, "natürliche" Fakten ließen ihre Reichsgotteserwartung jedoch wie ein Kartenhaus zusammenbrechen: Die Gefangennahme und der Tod Jesu trafen sie wie ein Schock, ihr ganzer Glaube wurde erschüttert. Diese Geschehnisse liefern uns ein klassisches Beispiel für einen Konflikt zwischen "Bibelauslegung" und "Naturwissenschaft": Lehre und Fakten, Theorie und Praxis ließen sich nicht vereinbaren. Doch die Macht der Fakten war so erdrückend, dass sie nicht verdrängt werden konnte.

Zwar kapselten die Jünger sich ab, trafen sich nur noch hinter verschlossenen Türen. Doch Berichte von einer weiteren, simplen Tatsache brachten sie erneut aus der Fassung (Lukas 24:22): Das Grab Jesu war leer, Jesus" Leichnam unauffindbar. Konnte man diese "natürlichen" Fakten mit der eigenen Lehre irgendwie vereinbaren? Kamen die Jünger jetzt zur Einsicht?

Weit gefehlt! Sie zweifelten lieber am Verstand der "forschenden" Frauen, als ihre vorgefasste Meinung aufzugeben. Kaum etwas kann Menschen so verblenden wie religiöse Irrmeinungen!

Sind auch wir noch unverständig?

Nun wurde offenbar, dass nicht nur die Pharisäer, sondern auch die Jünger in ihrer Bibelauslegung total daneben lagen, und das, obwohl sie mehrere Jahre lang in die "beste Bibelschule der Welt" gegangen waren! Jesus, der sie schon früher gefragt hatte: "Seid auch ihr noch unverständig?" (Matthäus 15:16), musste ihnen nun alle Stellen, "die ihn betrafen", ganz neu auslegen (Lukas 24:27). Er nannte ihre Herzenshaltung "unverständig" und "träge, alles zu glauben, was die Profeten geredet haben". Erkannten sie jetzt die Wahrheit?

Beinahe! Sie waren nämlich so "daneben", dass selbst die neue Bibelauslegung, durch den Meister selbst vorgenommen, immer noch nicht vermochte, ihre Herzensaugen ganz zu öffnen. Sie merkten immer noch nicht, dass sie nicht über die Wahrheit sprachen, sondern mit der Wahrheit! Erst die persönliche, greifbare Gemeinschaft, geschehen beim gemeinsamen Abendessen, öffnete ihnen die Augen, und sie erkannten Jesus.

Experimental-Glaube

Einer der Jünger ging sogar noch weiter. Er weigerte sich, den Berichten seiner Kollegen zu glauben, scheinbar weil er davon ausging, sie seien alle Opfer einer Halluzination geworden. So bestand er auf einer experimentell-wissenschaftlichen Demonstration: Er wollte diesen auferstandenen Jesus nicht nur sehen, sondern ihn mit den eigenen Fingern und Händen berühren. Wir wissen, dass dies keine sehr vorbildliche Glaubenseinstellung war. Wir wissen aber auch, dass ihm dieser Beweis dennoch von Gott gewährt wurde. Und dass es ihn restlos überzeugte! Gott gebraucht Fakten, um unseren Glauben und unsere Erkenntnis zu beeinflussen. Immerhin war der "Ungläubige Thomas" dann der erste, der Jesus als den ansprach, der er tatsächlich ist, nämlich als: "Mein Gott!" (Johannes 20:25-29)

Nicht traurige Ausnahme, sondern Paradebeispiel!

Die ganze Sache mit der Auferstehung ist bei weitem keine seltene Ausnahme. Als Jesus kam, mussten viele und zentrale Lehren neu definiert werden:

·         Das Gottes-Bild, das die Gläubigen hatten, erwies sich als überholt: Auf einmal stand ein etwa dreissigjähriger Zimmermann mit aramäischem Akzent vor den Menschen und sagte: Wer mich sieht, sieht Gott! (Johannes 12:45) Wer hätte das gedacht? Wer hätte das erwartet? Wer hätte das geglaubt? (Jesaja 53:1)

·         Auch das ganze Verständnis vom Reich Gottes wurde auf den Kopf gestellt. Wer groß werden wollte, sollte sich nun erniedrigen und allen anderen dienen usw. Jesus demonstrierte das handgreiflich: Nicht als Emperator auf einem Pferd, sondern auf einem Esel ritt er in Jerusalem ein. Und statt sich bedienen zu lassen, gab er sein Leben für die anderen ...

Wenn Gott "mit Händen und Füßen redet"

Immer wieder versucht Gott, uns durch Fakten dazu zu bewegen, unsere Lehre neu zu überdenken! Vieles, was wir persönlich erleben, soll diesem Zweck dienen. In seinen Taten offenbart Gott sich, um unser Denken in die richtigen Bahnen zu lenken! Als Johannes fragte, ob Jesus wirklich der Messias sei, ließ Jesus ihm ausrichten:

Geht hin und verkündet Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: dass Blinde sehend werden, Lahme gehen ... Lukas 7:19-22

Fakten sollten Johannes überzeugen. Tatsächlich sind Fakten ein zentrales Kriterium zur Beurteilung der Wahrhaftigkeit einer Lehre oder eines Menschen:

An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen! Matthäus 7:15-20; vgl. 13:26

Die zwei Bücher Gottes

Die Frage: "Muss die Bibel sich den Fakten beugen oder umgekehrt?" stellt uns demnach vor falsche Alternativen. Es geht nicht um "Bibel oder Fakten", sondern um "Bibelauslegung und Naturwissenschaft". Beide sind menschliche Interpretationen: Einmal werden die Worte, das andere Mal der Werke Gottes erforscht und gedeutet. Man könnte die Bibel und die Natur mit einem Buch vergleichen, das auf einer Seite den Text und auf der anderen Seite die Illustrationen enthält:

Die Schöpfung ist das Bilderbuch,
die Bibel das Lesebuch Gottes.

Gott erwartet nicht von uns, dass wir eines von beiden verleugnen. Die sichtbare Wirklichkeit ist immer wieder ein zentraler Prüfstein für die Wahrhaftigkeit und Echtheit einer Lehre. Die Schrift wiederum gibt uns eine geistliche Deutung der sichtbaren Phänomene, die wir ansonsten oft nicht verstehen können.

Harmonisierungs-Versuche und ihre Grenzen

Eines müssen wir jedoch immer berücksichtigen, wenn wir Bibel und Naturwissenschaften miteinander vergleichen: Auf beiden Seiten handelt es sich um menschliche Forschungen, die mit Fehlern und Irrtümern behaftet sind.

·         So wird wohl niemand bestreiten, dass der Stand der Naturwissenschaften vor zweihundert Jahren noch ein ganz anderer war als heute. Die Erkenntnis nimmt zu - und das ist auch für die Auslegung der Bibel zu erwarten:

·         Heute stehen uns bessere Bibeltexte zur Verfügung denn je, und mit Hilfe hervorragender Computer-Programme sind Studien im Grundtext um ein Vielfaches schneller, genauer und bequemer geworden.

Dennoch, "Irren ist menschlich", und zwar auf allen Gebieten, darum ist nicht zu erwarten, ja, es ist eigentlich ausgeschlossen, dass wir die zwei Realitäten "Wort Gottes" und "Schöpfung Gottes" jemals vollkommen zur Deckung bringen können. Das betont auch der Naturwissenschaftler Manfred Eigen:

Konflikte zwischen religiöser und wissenschaftlicher Weltsicht sind aufgrund der Begrenzung menschlicher Einsichten geradezu vorgegeben. (Manfred Eigen in "Stufen zum Leben", Seite 275)

Aus diesem Grund ist es nicht realistisch und auch nicht legitim, von der Bibelauslegung zu erwarten, dass sie zu hundert Prozent mit dem "derzeitigen Stand der Forschung" übereinstimmt! Es muss, im Gegenteil, eher verdächtig erscheinen, wenn bei Harmonisierungsversuchen alles "glatt" geht.

Es ist viel realistischer, abzuwägen, ob die Bibel im Großen und Ganzen gesehen mit dem übereinstimmt, was heute als gesichert angesehen wird. Und das ist zum Beispiel beim "Stammbaum der Himmel und der Erde" (Genesis 2:4) absolut der Fall. Auch wenn Details nicht "passen", so treffen doch die zentralen Aussagen ins Schwarze und das Gesamtgeschehen deckt sich verblüffend miteinander. Und da viele dieser Aussagen vor Jahrtausenden von keinem Menschen gewusst werden konnten, sind sie ein deutlicher Hinweis darauf, dass Gott den Menschen Worte gab, die ihr eigenes  Verständnis weit überschritten - zeitlose Wahrheiten eben.


Die zwei Stammbäume Jesu im NT

 

Ein Beispiel für Bibelkritik im Neuen Testament

Im Neuen Testament finden wir zwei Stammbäume von Jesus, die sich nicht zur Deckung bringen lassen. Diese Tatsache wurde von vielen Theologen zum Anlass genommen, der Bibel Fehlerhaftigkeit zu unterstellen, da die beiden Stammbäume sich "widersprächen". Dies sei ein Beleg dafür, dass der Bibeltext nicht wörtlich ernst zu nehmen, sondern nur bildlich zu verstehen sei.

Dabei ist auch dieser "Widerspruch" so leicht aufzulösen! Es ist doch eine simple Erkenntnis, dass jeder Mensch auf Erden in Wirklichkeit nicht einen, sondern zwei "Stammbäume" hat, nämlich den seiner Mutter und den seines Vaters! Und genau das ist auch bei Jesus der Fall. In Matthäus 1:1-16 finden wir ganz zweifelsfrei die väterlichen Vorfahren von Jesus:

Buch des Geschlechts Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams: 2 Abraham zeugte Isaak; Isaak aber zeugte Jakob, Jakob aber zeugte Juda und seine Brüder.     
3 Juda aber zeugte Phares und Zara von der Thamar; Phares aber zeugte Esrom, Esrom aber zeugte Aram. 4 Aram aber zeugte Aminadab, Aminadab aber zeugte Nahasson, Nahasson aber zeugte Salmon. 5 Salmon aber zeugte Boas von der Rahab; Boas aber zeugte Obed von der Ruth; Obed aber zeugte Isai. 6 Isai aber zeugte David, den König. David aber zeugte Salomon von der, die Urias Weib gewesen. 7 Salomon aber zeugte Roboam, Roboam aber zeugte Abia, Abia aber zeugte Asa. 8 Asa aber zeugte Josaphat, Josaphat aber zeugte Joram, Joram aber zeugte Osia. 9 Osia aber zeugte Joatham, Joatham aber zeugte Achas, Achas aber zeugte Ezekia. 10 Ezekia aber zeugte Manasse, Manasse aber zeugte Amon, Amon aber zeugte Josia. 11 Josia aber zeugte Jechonia und seine Brüder um die Zeit der Wegführung nach Babylon. 12 Nach der Wegführung nach Babylon aber zeugte Jechonia Salathiel, Salathiel aber zeugte Zorobabel. 13 Zorobabel aber zeugte Abiud, Abiud aber zeugte Eliakim, Eliakim aber zeugte Asor. 14 Asor aber zeugte Zadok, Zadok aber zeugte Achim, Achim aber zeugte Eliud. 15 Eliud aber zeugte Eleasar, Eleasar aber zeugte Matthan, Matthan aber zeugte Jakob. 16 Jakob aber zeugte Joseph, den Mann der Maria, von welcher Jesus geboren wurde, der Christus genannt wird. Matthäus 1:1-16; alte Elberfelder

Lukas 3:23-38 dagegen verfolgt die Linie der Vorfahren der Mutter Jesu:

23 Und er selbst, Jesus, begann ungefähr dreißig Jahre alt zu werden, und war, wie man meinte, ein Sohn des Joseph, des Eli, 24 des Matthat, des Levi, des Melchi, des Janna, des Joseph, 25 des Mattathias, des Amos, des Nahum, des Esli, des Naggai, 26 des Maath, des Mattathias, des Semei, des Joseph, des Juda, 27 des Johanna, des Resa, des Zorobabel, des Salathiel, des Neri, 28 des Melchi, des Addi, des Kosam, des Elmodam, des Er, 29 des Joses, des Elieser, des Jorim, des Matthat, des Levi, 30 des Simeon, des Juda, des Joseph, des Jonan, des Eliakim, 31 des Melea, des Menna, des Mattatha, des Nathan, des David, 32 des Isai, des Obed, des Boas, des Salmon, des Nahasson, 33 des Aminadab, des Aram, des Esrom, des Phares, des Juda, 34 des Jakob, des Isaak, des Abraham, des Thara, des Nachor, 35 des Seruch, des Rhagau, des Phalek, des Eber, des Sala, 36 des Kainan, des Arphaxad, des Sem, des Noah, des Lamech, 37 des Methusala, des Enoch, des Jared, des Maleleel, des Kainan, 38 des Enos, des Seth, des Adam, des Gottes. (Lukas 3:23-38)

Jeder Mensch hat zwei Stammbäume - auch Jesus!

Besonders der Anfang und das Ende dieses Stammbaumes ist interessant:

Jesus war - wie man meinte, ein Sohn des Josef - (ein Sohn) des Eli, (ein Sohn) des Matthat ... (ein Sohn) des Adam, (ein Sohn) Gottes. Lukas 3:23

Lukas beginnt und endet mit einer geistigen Form von Sohnschaft, denn Josef war in geistigem Sinne Jesus’ Vater, Gott war im geistigen Sinne Adams Vater - darum werden sie auch in der Bibel als einzige Menschen im Vollsinne des Wortes bezeichnet, 1.Korinther 15:45-47. Dazwischen verfolgt Lukas die Linie der biologischen Abstammung Jesu, nämlich der Vorväter seiner Mutter, von der er ja körperlich abstammt (hebräische Stammbäume ziehen immer die Väter heran). So erklärt sich, warum die beiden Stammbäume von Abraham bis König David übereinstimmen, sich von da an jedoch unterscheiden:

Matthäus gibt die dynastische Linie wider, also die erbrechtliche Linie der Herrscher, beginnend mit König Salomo (Mattäus 1:6). Das ist wohl auch der Grund, warum er den Stammbaum Jesu nur bis zu Abraham zurückverfolgt, denn mit ihm beginnt ja das Volk Israel, dessen König Jesus ist. Abraham ist der erste, dem das Land Israel als Erbe zugesprochen wurde.Dadurch, dass Jesus der Adoptivsohn von Josef ist, einem Nachfahren David"s über die Linie Salomos, hat er ein Erbrecht auf den Thron Davids.

Lukas dagegen zeichnet die biologische Linie der Vorfahren auf. Von daher verwundert es nicht, dass er über Abraham hinaus bis auf Adam zurückgeht, die Person, die alle folgenden Vorfahren Jesu mit dem "Stammbaum der Himmel und der Erde" und somit dem Ursprung des Lebens verbindet.

Erfüllung biblischer Profetie

Gott hatte David versprochen, dass einer seiner leiblichen Nachfahren als König auf dem Thron sitzen würde. Damit war klar, dass Jesus als der Messias Israels biologisch von David abstammen musste:

Der HERR hat David einen Treueid geschworen, er wird nicht davon abweichen: Von der Frucht deines Leibes will ich auf deinen Thron setzen. Psalm 132:11; vergleiche 2.Samuel 7:12-13; Jeremia 33:21; Lukas 1:32

Andererseits hatte Gott als Gericht über abscheuliche Sünden der Nachkommen Salomos, speziell Konja’s, erklärt, dass keiner seiner Nachkommen mehr als König von Israel in Frage komme:

So wahr ich lebe, spricht der HERR, wenn auch Konja, der Sohn Jojakims, der König von Juda, ein Siegelring an meiner rechten Hand wäre, würde ich dich doch von dort wegreißen ... Schreibt diesen Mann auf als kinderlos ... Denn von seinen Nachkommen wird es nicht einem gelingen, auf dem Thron Davids zu sitzen und weiterhin über Juda zu herrschen. Jeremia 22:24,30

Der einzige Ausweg aus dieser scheinbaren Zwickmühle war, dass ein Nachkomme aus einer anderen Linie Davids Thronerbe würde. Tatsächlich führt die biologische Linie von David zu Jesus über Nathan, einen anderen Sohn Davids. Das Problem hierbei ist wiederum, dass dies nicht die dynastische Linie ist, also die für den Thron erbberechtigte. Die einzige Möglichkeit, beide Linien wieder zu vereinigen war, dass ein männlicher, erbberechtigter Nachfahre Davids aus der Linie über Salomo einen biologischen Nachfahren aus der Linie über Nathan als Erstgeborenen "adoptierte" und ihm das Thronrecht vererbte. Jesus ist somit die einzig mögliche und perfekte Erfüllung aller alttestamentlichen Profetien über die Herkunft des Messias!


Jesus und die Bibel

 

Gottes Wort in menschlicher Gestalt

Das Neue Testament beginnt nicht mit zum Beispiel spannenden Wunderberichten, sondern mit einem trockenen Stammbaum:

Geschlechtsregister Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams: Abraham zeugte Isaak; Isaak aber zeugte Jakob, Jakob aber zeugte Juda und seine Brüder ... (Matthäus 1:1 nach Schlachter-Übersetzung)

Jesus hatte eine lange, biologische Vergangenheit, und er kam in eine ganz weltliche, geschichtliche Situation hinein. Er wurde in einem Dorf im von den Römern besetzten Israel geboren, lebte eine zeitlang als Flüchtling im ausländischen Ägypten, wuchs in den "Slums" von Nazareth auf ("Kann aus Nazarath etwas Gutes kommen?", Johannes 1:46), wurde von jüdischen Eltern aufgezogen und sprach einen aramäischen Dialekt.

Als Gott Mensch wurde, da wurde er es zu hundert Prozent. Er beamte sich nicht einfach innerhalb einer Millisekunde irgendwo auf die Erde, sondern wählte einen irdischen Stammbaum, der bis zu Adam und über ihn bis zu den ersten Menschen und damit bis zu den ersten Lebewesen auf Erde zurückreicht. Jesus hat eine genetische Vorgeschichte, einen Stammbaum, zu dem letztlich Wassertiere und Landtiere, Könige und Bauern, Helden und Huren gehören. Es ist unglaublich und unfassbar, aber wahr: Gott benützte eine menschliche Eizelle, die das Resultat einer jahrtausende-, ja, jahrmillionenlangen Abstammung war, um sich auf der Erde zu "materialisieren"!

Das Übernatürliche im Leben Jesu

Doch da ist zugleich die andere Seite, die schöpferisch-neue: Gott griff bei der Entstehung Jesu übernatürlich ein. Gott wählte zwar eine "ganz normale" Frau als Mutter für Jesus aus, doch die Zeugung Jesu war ein Werk des Himmels:

Der Heilige Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden. Lukas 1:35

So unglaublich es ist, dass der Sohn Gottes eine menschliche Mutter hat, so unvorstellbar ist es auf der anderen Seite, dass der Heilige Geist Maria befruchtet hat. Doch damit spiegelt sich nur Gottes Wesen in seinem Sohn wider, das sich bis dahin immer wieder in seinem Handeln manifestiert hatte. Gott schafft Neuanfänge aus dem Himmel, die sich auf Erden weiter entwickeln, bis ein neuer Schöpfungakt sie auf eine neue Ebene hebt, wo wiederum eine neue Entwicklung beginnt ... In Gottes Handeln sind schon immer irdische Prozesse eng verwoben mit schöpferischen Impulsen:

Gott erschuf (völlig neue Dinge), um (sie danach im Verlauf der Zeit in eine bestimmte Richtung hin ) zuzubereiten. Genesis 2:3

Dies sind die Geschlechterfolgen (Abstammung, Entwicklung) der Himmel und der Erde in ihrem Erschaffenwerden (himmlische Eingriffe als tragende Säulen) Genesis 2:4

Wunder und Windeln

Jesus" Geburt wurde von einem Engel angekündigt und er wurde vom Heiligen Geist gezeugt. Doch darauf folgten irdische Entwicklungsprozesse: Jesus wuchs in Marias Bauch, wurde in einem Stall geboren, in Windeln gewickelt und in einen Futtertrog gelegt. Am achten Tag wurde er an der Vorhaut beschnitten, jüdisch erzogen, lernte von seinem Vater den Beruf des Zimmermanns: "Jesus nahm zu an Weisheit und an Größe, und an Gunst bei Gott und Menschen" (Lukas 2:52). Diese natürlichen Entwicklungsprozesse im Leben Jesu sind eng verwoben mit göttlichen Eingriffen und Fügungen, so dass beide oftmals gar nicht voneinander zu trennen oder zu unterscheiden sind.

So ergab sich Jesus" Geburt in Bethlehem scheinbar zufällig aus der gerade stattfindenden Volkszählung, die von den Römern durchgeführt wurde. Das war der politische, "weltliche" Grund, dass Josef sich in die Stadt seiner Vorväter begeben musste. Doch gleichzeitig erfüllte sich damit eine uralte Profetie, dass der Messias in Bethlehem geboren werden sollte:

Und du, Bethlehem Efrata, das du klein unter den Tausendschaften von Juda bist, aus dir wird mir der hervorgehen, der Herrscher über Israel sein soll. Seine Ursprünge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her. Micha 5:1

Die Flucht der Familie Jesu nach Ägypten ergab sich ebenfalls aus einer politischen Notsituation, dem Kindermord des Herodes, wurde aber von einem Engel durch einen Traum "angeregt" und schon im Alten Testament profetisch angekündigt:

Und Jesus war dort bis zum Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was von dem Herrn geredet ist durch den Profeten, der spricht: «Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.» Matthäus 2:15, vergleiche Hosea 11:1

Jesus ließ sich taufen wie alle anderen Menschen - ein Umstand, der für Johannes den Täufer schwer zu akzeptieren war. Dann kam der Heilige Geist auf Jesus und führte ihn in die Wüste, wo er, ganz menschlich, Hunger und Durst und die Versuchungen Satans über sich ergehen lassen musste. Natürliches und Übernatürliches waren in Jesus untrennbar miteinander verbunden: Er hatte die Fähigkeit, Dämonen auszutreiben und unheilbar erkrankte Menschen vollkommen wieder herzustellen, und gleichzeitig lief er in Sandalen über die staubigen Straßen des von den Römern besetzten Israels. Engel dienten ihm, und er hatte die Gabe, jedes Detail über seine Geschöpfe zu wissen - dennoch ritt er auf einem Esel in Jerusalem ein.

Himmel und Hölle begegnen sich auf der Erde

Wichtige Teile des Lebens Jesu sind durch die Heilige Schrift vorhergesagt, und doch erfüllten sie sich scheinbar natürlich, obwohl Himmel und Hölle ihre Finger im Spiel hatten: Aus nur allzu menschlichem Neid trachteten die Obersten nach seinem Leben, aus simpler Habgier verriet ihn einer seiner engsten Freunde. Die gerade herrschenden Römer vollstreckten auf traditionelle Art und Weise das Todesurteil: Jesus wurde wie seine kriminiellen Mitgefangenen mit Eisennägeln auf ein Holzkreuz genagelt, sein Gewand unter den Henkern verlost.

So erfüllen sich schrittweise die uralten Profetien, geht Natürliches Hand in Hand mit Übernatürlichem: Jesus nimmt die Sünde der Welt auf sich, eine Sonnenfinsternis geschieht seltsamerweise genau in dieser Zeit und erschreckt alle Bewohner Jerusalems. Jesus schreit verzweifelt: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?!" Dann stirbt er, jedoch nicht an den Folgen der Kreuzigung, sondern indem er seinen Geist willentlich in die Hand seines Vaters befiehlt - ein übermenschlicher Kraftakt, der den römischen Hauptmann zum Glauben kommen lässt. Der Vorhang des Tempels zerreißt von oben nach unten. Der reiche Josef von Arimathia lässt seine Beziehungen spielen, um den übel zugerichteten Leichnam Jesu ordentlich zu begraben - und erfüllt damit wieder biblische Profetien (Jesaja 53:9; Lukas 23:50). Die Frauen balsamieren ihn ein, ganz wie es für Juden üblich ist. Gerüchte um seine Auferstehung bewegen die Römer dazu, das Grab zu versiegeln - während die Jünger Jesu gar nichts mehr glauben können.

Dann geschieht das Wunder der Auferstehung, römische Wachsoldaten fallen erst in Ohnmacht, laufen dann davon und lassen sich anschließend bestechen, um das Ereignis zu vertuschen. Engel sprechen mit den Frauen, schieben einen Stein zur Seite, damit seine Jünger ins Grab können. Die Neue Schöpfung wird offenbar, Jesus erscheint mit seinem Auferstehungsleib, spricht mit verängstigten Frauen und beauftragt sie als Überbringer der revolutionierendsten Nachricht der ganzen Weltgeschichte: Das ehemalige Baby von Bethlehem, der Zimmermann aus Nazareth, ist von den Toten auferstanden und wird nie mehr sterben. Wer an ihn glaubt, kann dieselbe Art von Leben bekommen!

Ganz menschlich erscheint Jesus danach seinen Freunden, fängt Fische und grillt mit ihnen am Ufer eines Sees (Johannes 21:4-9). Nachdem er durch Wände gelaufen ist, als wären sie aus Nebel, isst Jesus vor den Augen seiner Jünger Fisch, um sie von der Körperlichkeit seiner Auferstehung zu überzeugen (Lukas 24:41-43), lässt sich sogar von ihnen anfassen (Johannes 20:27). Zu Fuß müssen seine Jünger sich an den Ort begeben, wo Jesus dann auf Wolken überirdischer Kraft in den Himmel auffährt. Engel geben den Jüngern Anweisungen, weiterhin zu Fuß die umwälzendste Botschaft der Welt anderen Menschen zu bringen. Zehn Tage warten die Jünger und beten in einem Dachgeschoß, bis der Heilige Geist mit feurigen Flammen vom Himmel auf sie fällt, ihnen die Kraft gibt, Tote aufzuerwecken und - in den irdischen Dialekten ihrer Zuhörer zu sprechen ... Und so geht es weiter und weiter ...

Das Leben Jesu ist also auch nach seiner Auferstehung noch die Erfüllung, das Vollmaß dessen, was bis dahin bereits Gottes Art zu handeln war: Als Retter (griechisch "jesus" kommt von hebräisch "jeschua=der Herr rettet") lässt er das Bestehende nicht einfach zugrunde gehen, um statt dessen etwas völlig Neues zu erschaffen, sondern er lenkt die laufenden Entwicklungen und greift immer wieder schöpferisch-übernatürlich in sie ein. Jesus selber ist das Endziel des "Stammbaumes der Himmel und der Erde", denn er ist der Himmlische, der auf die Erde kam, indem er Mensch wurde. Er überwand die Kluft, die bis dahin Himmel und Erde trennte. Er ist DER WEG, niemand kommt zum Vater als nur durch ihn (Johannes 14:6)! Er ist nicht nur DER MENSCH (Johannes 19:5, 1.Korinther 15:47), er ist auch DER WAHRE GOTT (Johannes 20:28).

Ist die Bibel das Wort Gottes?

Nun, wie der Name sagt, ist die Bibel (griechisch biblos = Buch) zuerst einmal das BUCH Gottes. DAS WORT GOTTES ist eine Person, nämlich Jesus Christus selbst:

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott ... Und das Wort wurde Fleisch ... Johannes 1:1,14; vergleiche Offenbarung 19:13!

Worte Gottes sind naturgemäß alle Äußerungen, die aus dem Munde Gottes kommen (Matthäus 4:4), auch wenn Menschen, sogar Feinde, als Sprecher verwendet werden (2.Chronik 35:22; Johannes 11:51). Da Gott selber das Wort ist, wächst sein Wort auf der Erde beständig (Apostelgeschichte 6:7; 12:24), er redet bis zum heutigen Tag, insbesondere durch Weissagung (griechisch prophäteja; 1.Korinther 14), so dass Worte Gottes heute an vielen Plätzen und in vielen Büchern zu finden sind. Das Wort Gottes ist also viel mehr als die Bibel!

Die Bibel nimmt jedoch eine Sonderstellung in der Literatur ein, weil sie das einzige Buch ist, das ausschließlich aus Worten Gottes besteht. Sie allein ist unverfälscht durch menschliche Irrtümer oder Fehler und darum der einzig unfehlbare Maßstab, an dem wir jede Lehre prüfen können, ob sie dem Wort Gottes entspricht. Darum tun auch wir gut daran, den Rat Paulus" zu befolgen, den er Timotheus gab:

Böse Menschen und Betrüger aber werden zu Schlimmerem fortschreiten, indem sie verführen und verführt werden. Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast, und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die Kraft haben, dich weise zu machen zur Rettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist. 
Alle Schrift (griechisch: graphä = heilige Schrift) ist von Gott eingegeben (griechisch: theópneustos = gottgehaucht) und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes richtig sei, für jedes gute Werk ausgerüstet. (2.Timotheus 3:13-17)

Jesus war ganz Mensch und damit wie wir von der Sünde versuchbar, aber dennoch blieb er ohne Sünde, sagte nie eine Unwahrheit (Hebräer 4:15; 7:26; Jesaja 53:9; 1.Petrus 2:22). Und darin gleicht die Bibel Jesus, dem Mensch gewordenen Wort Gottes, denn sie ist ein ganz menschliches Buch, und doch ist sie zugleich göttlichen Ursprungs und Wesens:

Und so besitzen wir das prophetische Wort umso fester, auf welches zu achten ihr wohl tut, als auf eine Lampe, welche an einem dunklen Orte leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen; indem ihr dies zuerst wisst, dass keine Weissagung der Schrift von eigener Auslegung ist. Denn die Weissagung wurde niemals durch den Willen des Menschen hervorgebracht, sondern heilige Männer Gottes redeten, getrieben (griechisch: phéro = tragen, bringen, führen) vom Heiligen Geist. 2.Petrus 1:19-21

Jesus hatte fehlbare und fehlerhafte Vorfahren und Eltern, dennoch war er selber fehlerlos. Die Schlussfolgerung, Jesus müsse doch auch Fehler gemacht haben, er sei ja schließlich "nur ein Mensch" gewesen, berücksichtigt nicht die Kraft und Weisheit Gottes in ihm. Genauso wäre es falsch, der Bibel Fehler zu unterstellen, "weil sie ja schließlich von Menschen gemacht wurde"! Wenn schon eine Volksschullehrerin es schafft, kleinen Kindern innerhalb kürzester Zeit beizubringen, ein Diktat richtig zu schreiben, wieviel mehr können wir Gott zutrauen, dass er auserwählte Menschen befähigen kann, seine Worte korrekt wiederzugeben? Menschen aus sich heraus können niemals Gottes Wort wissen oder weitergeben. Aber Gott ist fähig, so zu Menschen zu sprechen, dass sie ihn verstehen und das Gehörte weitersagen können. Darum ist es nur vernünftig, dass wir die Bibel "nicht als Menschenwort aufnehmen, sondern, wie es wahrhaftig ist, als Gottes Wort", das in denen, die daran glauben, auch wirkt, 1.Thessalonicher 2:13.


Die Inspiration der Bibel

 

Wortmeldung in einer Theologie-Internet-Newsgroup

Was verstehst du unter "von Gott inspiriert"? Auch ich glaube das, jedoch nicht in dem Sinne, dass die Autoren dabei zu hirnlosen Schreibgeräten mutieren, die durch die Hand Gottes geführt werden. Ich gehe dagegen davon aus, dass sie Menschen ihrer Zeit waren, die sich nicht in Trance oder Bewusstlosigkeit befanden, während sie das schrieben, sondern bei wachem Verstand und mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität ...

Wenn man heute theologisch gebildeten Menschen zu verstehen gibt, dass man die Bibel für Gottes Wort hält, werden einem manchmal absurde Vorstellungen von Inspiration unterstellt, die lächerlich, naiv oder fanatisch erscheinen. Man wird gefragt, ob man glaube, dass die Bibel als Buch "vom Himmel gefallen" sei oder ähnliches. Darum möchte ich im Folgenden darlegen, was die Bibel unter "Inspiration" versteht. Zwei Bibelstellen machen hierzu grundlegende Aussagen:

2.Petrus 1:19-21   
Und so besitzen wir das prophetische Wort um so fester, und ihr tut gut, darauf zu achten als auf eine Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern in euren Herzen aufgeht, indem ihr dies zuerst wißt, dass keine Weissagung der Schrift aus eigener Deutung geschieht. Denn niemals wurde eine Weissagung durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten Menschen, geführt (griechisch phéro = tragen, bringen, führen) vom Heiligen Geist.

Diese Stelle betont, dass die Schrift letztlich nicht menschlichen Ursprungs ist, sondern göttlich, wenn es auch Menschen waren, durch die Gott redete. Die zweite Schlüsselstelle ist:

2.Timotheus 3:14-17    
Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast, und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die Kraft haben, dich weise zu machen zur Rettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist. Alle Schrift ist von Gott eingegeben (griechisch: theópneustos) und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes richtig sei, für jedes gute Werk ausgerüstet.

Während Petrus sagt, dass die Autoren der Bibel von Gott geführt wurden, betont Paulus, dass das Ergebnis, der Bibeltext, "gottgehaucht", wörtlich "theó-pneu-stos = gott-gegeistet" ist. Wahrscheinlich bezieht sich der Ausdruck "inspiriert" auf diese Aussage. Der Hebräerbrief betont, dass dieses inspirierte Reden Gottes "vielfältig und auf vielerlei Art und Weise" geschehen ist (Hebräer 1:1), also keineswegs eintönig in Form von "Diktaten"! Werfen wir doch einen Blick in die Bibel selber, wie Gott redet ...

Tatsächlich hat Gott sogar schon einmal durch einen Esel gesprochen, nämlich zu dem Propheten Bileam, als dieser nicht auf Gottes Wort hören wollte. Schließlich erschien Bileam sogar noch ein Engel, der ihm wiederum Gottes Wort überbrachte, und schlussendlich musste Bileam mehrfach Gottes Wort verkünden, nämlich Segen für Israel, obwohl er wegen des angebotenen Lohnes eigentlich darauf aus war, Israel zu verfluchen (4.Mose 22:5ff). Das sind Beispiele für sehr massive "Inspiration"!

Aber Gott spricht auch auf ganz unspektakuläre Weise zu uns, wenn wir nur bereit sind zu hören, zum Beispiel durch Ameisen, Heuschrecken und Eidechsen (Sprüche 6:6; 30:24ff), durch Sonne, Mond und Sterne (Psalm 19:2ff).

Gott hat sehr wohl auch Bibeltexte wörtlich diktiert (2.Mose 34:27; Jesaja 8:1; Jeremia 30:2; 36:28; Hesekiel 43:11; Offenbarung 2:1; 14:13; 19:9).

Er hat jedoch auch die Angstgebete verzweifelter Menschen in die Bibel aufgenommen (z.B. Psalm 22), ebenso wie die Erlässe mächtiger, ausländischer Könige (Esra 1:2; Daniel 3:31ff). Hier finden wir die Träume eines Pharao (Genesis 41:1) ebenso wie Liebeslieder (Hoheslied), die Statistiken von Volkszählungen (Esra 2:1) oder ausführliche Familienstammbäume (Matthäus 1:1ff). Diese Beispiele sollten einen kleinen Eindruck davon geben, was die Bibel unter "Inspiration" versteht.

Das Weltbild der biblischen Autoren

Immer wieder wird von Theologen betont, man müsse die Bibeltexte im Kontext ihrer Zeit deuten, und die Schreiber der Texte wären auch den Vorstellungen ihrer Zeit verhaftet gewesen. Mit anderen Worten: Sie wären auch nicht schlauer gewesen als ihre Zeitgenossen, wären denselben Irrtümern erlegen und hätten in der Bibel ein Weltbild beschrieben, das heute als überholt gelten muss.

Doch diese Sicht beruht auf der irrtümlichen Annahme, die Autoren der Bibel hätten nur aus eigener Weisheit geschrieben. Die "moderne" Theologie (= Lehre von Gott) geht stillschweigend davon aus, dass die Schreiber der Bibel ihre Aufgabe ohne die Hilfe Gottes erledigen mussten. Doch das bedeutet letztendlich, dass man jegliches Wunder und auch jegliche Prophetie aus der Bibel "wegdeuten" müsste. Aber genau das ist doch das Besondere der Bibel: Hier schrieben Menschen mehr nieder, als sie rein menschlich wissen konnten! Was wären sonst all die Prophetien über den Verlauf der Geschichte Israels, über das Kommen des Messias?

Wenn Gott die Menschen so führen konnte, dass sie richtige Prophezeiungen über die Geburt Jesu in Bethlehem, sein Leiden am Kreuz und seine Auferstehung machen konnten - oftmals ohne dass sie selber sich dessen in dem Moment bewusst gewesen wären - konnte er sie dann nicht auch so führen, dass ihre Aussagen über die natürlichen Gegebenheiten der Wahrheit entsprachen? Wer also von vorneherein davon ausgeht, die Autoren der Bibel hätten ein überholtes Weltbild in die Bibel projiziert, der muss auch die Wunder und Prophezeiungen der Bibel ablehnen.

Das Beispiel des prophezeienden Hohenpriesters

Oftmals betonen Theologen, die Texte der Bibel müssten "im Kontext ihrer Zeit verstanden", "im Kontext der Literatur- und Religionsgeschichte betrachtet werden". Dagegen ist nichts einzuwenden, denn selbstverständlich sollen wir Bibelstellen nicht aus dem Textzusammenhang herausreißen, und selbstverständlich sollen wir den Geschichtsverlauf, wie ihn uns die Bibel schildert, berücksichtigen. Aber die entscheidende Frage ist, ob man in die obigen Sätze unausgesprochen das Wort "NUR" einfügt: "NUR im Kontext ihrer Zeit" und "NUR im Kontext der Literatur- und Religionsgeschichte." Das würde die Bibel selber sicher verneinen, wie ich am folgenden Beispiel zeigen möchte:

Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Denn dieser Mensch (Jesus) tut viele Zeichen. Wenn wir ihn so lassen, werden alle an ihn glauben, und die Römer werden kommen und unsere Stadt wie auch unsere Nation wegnehmen. Einer aber von ihnen, Kaiphas, der jenes Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts und überlegt auch nicht, dass es euch nützlich ist, dass ein Mensch für das Volk sterbe und nicht die ganze Nation umkomme. Dies aber sagte er nicht aus sich selbst, sondern da er jenes Jahr Hoherpriester war, weissagte er, dass Jesus für die Nation sterben sollte; und nicht für die Nation allein, sondern dass er auch die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelte. Von jenem Tag an ratschlagten sie nun, um ihn zu töten. Johannes 11:47-53

Der zeitgeschichtliche Hintergrund war, dass Jesus gerade Lazarus vom Tod auferweckt hatte, weshalb große Volksmengen ihm folgten und die Hohenpriester Angst hatten, es könnten dadurch politische Unruhen entstehen, die letztlich zum Untergang Israels führen könnten, das von den mächtigen Römern bis dahin mehr oder weniger geduldet wurde. Würde man hier stehen bleiben, dann wäre der Ausspruch des Hohenpriesters nichts weiter als eine Aufforderung zum Polit-Mord. Doch letztlich wurde er von Gottes Geist geführt, eine tiefe Wahrheit auszusprechen, die mit den bezeichnenden Worten beginnt: "Ihr wisst nichts!" Diese Aussage traf sicher auch auf ihn selber zu, und dennoch sprach er eine Prophetie von gewaltiger Tragweite aus: Das stellvertretende Leiden und Sterben des Messias.

Bei aller Wissenschaftlichkeit bei der Auslegung der Bibel werden wir also trotzdem unbedingt die Hilfe des Heiligen Geistes brauchen, der zuerst einmal uns selber verändern muss, damit wir überhaupt aufnahmebereit für geistliche Dinge werden, und nicht auf der seelischen Ebene steckenbleiben (1.Korinther 2:12-14). Wenn wir nicht wiedergeboren werden, dann wird tatsächlich der Buchstabe uns töten, denn nur der Geist macht lebendig (2.Korinther 3:6). Und der Geist Gottes kann und möchte uns über die reine Verstandesebene hinausführen (Philipper 4:6-7).


Karel Claeys und Armin Held:
Der Hase - (k)ein Wiederkäuer?

 

Was Biologen und Theologen dazu sagen

Den meisten Menschen bereitet es wahrscheinlich wenig Kopfzerbrechen, ob der Hase oder auch der Klippschliefer Wiederkäuer sind oder nicht. Vor allem werden sie es weder als "heilsentscheidend" sehen noch als Nagelprobe, ob man sich auf die Bibel verlassen kann oder nicht. Ganz anders dagegen die bibelkritische Theologie, die jede Gelegenheit nützt, um die Inspiration der Bibel in Frage zu stellen. Sie behauptet ja, dass die Bibel nur ein menschliches Machwerk sei, also niemals von Gott eingegeben, und dass sie deswegen natürlich auch menschliche Irrtümer enthalte. Ein Paradebeispiel, das mir an der Uni prompt unter die Nase gerieben wurde, ist dabei genau diese Frage, ob Hase und Klippdachs nun Wiederkäuer seien oder nicht. Laut Naturwissenschaften seien sie es jedenfalls nicht, in der Bibel stehe jedoch fälschlicherweise das Gegenteil. Nun, lesen wir doch einfach einmal den fraglichen Text, der in seiner Einleitung ausdrücklich behauptet, dass die darauf folgenden Worte von Gott stammen:

Und der HERR redete zu Mose und zu Aaron und sprach zu ihnen: Redet zu den Söhnen Israels und sprecht: Dies sind die Lebewesen, die ihr essen sollt von allen vierfüßigen Tieren, die auf der Erde sind: Alles, was gespaltene Hufe hat, und zwar wirklich aufgespaltene Hufe, und was wiederkäut (hebräisch: ma^alat gerah = Gekautes hochbringt) unter den Tieren, das dürft ihr essen. Nur diese von den Wiederkäuern (hebräisch: ma^aleh haggerah = Hochbringern von Gekautem) und von denen, die gespaltene Hufe haben, dürft ihr nicht essen:    
das Kamel, denn es ist ein Wiederkäuer (hebräisch: ma^aleh gerah = Hochbringer von Gekautem), aber gespaltene Hufe hat es nicht: unrein soll es euch sein.
Und den Klippdachs (hebräisch: schaphan), denn er ist ein Wiederkäuer (hebräisch: ma^aleh gerah = Hochbringer von Gekautem), aber er hat keine gespaltenen Hufe: unrein soll er euch sein.    
Und den Hasen (hebräisch: "arnäbät), denn er ist ein Wiederkäuer (hebräisch: ma^alat gerah = Hochbringer von Gekautem), aber er hat keine gespaltenen Hufe: unrein soll er euch sein.  
Und das Schwein, denn es hat gespaltene Hufe, und zwar wirklich aufgespaltene Hufe, aber es käut nicht wieder (hebräisch: gerah lo jiggar = Gekautes kaut es nicht): unrein soll es euch sein.
Von ihrem Fleisch dürft ihr nicht essen und ihr Aas nicht berühren; unrein sollen sie euch sein. Leviticus 11:1-8; ein Paralleltext befindet sich in Deuteronomium 14:6-7

Um welche Tiere handelt es sich?

·         Der "arnäbät kommt nur zweimal in der Bibel vor, nämlich in Leviticus 11:6 und Deuteronomium 14:7. Man geht davon aus, dass es sich von "anab = fruchtbar sein ableitet. Dass es sich hierbei um den Hasen handelt, ist wahrscheinlich, aber nicht absolut sicher, zumal die Bibelstellen keine weiteren Angaben über Körperbau und Lebensweise machen.

·         Der schaphan kommt nur viermal in der Bibel vor:, nämlich in Leviticus 11:5, Deuteronomium 14:7, Psalm 104:18 und Sprüche 30:26. Lesen wir die zwei noch unbekannten Stellen:

Die hohen Berge sind für die Steinböcke, die Felsen eine Zuflucht für die Klippdachse. Psalm 104:18

Vier sind die Kleinen der Erde, und doch sind sie mit Weisheit wohl versehen ... die Klippdachse, ein nicht kräftiges Volk, und doch legen sie im Felsen ihre Wohnungen an. Sprüche 30:24,26

Wie wir noch sehen werden, kann es sich hier nur um die "Klippdachse" oder "Klippschliefer" handeln.

Was ist ein "Wiederkäuer"?

Der immer wieder verwendete Ausdruck ma^alat gerah besteht aus hebräisch ma^aläh und gerah. ma^aläh ist ein Partizip der Hiphil-Form des Tätigkeitswortes ^alah = hinaufgehen, hinaufsteigen. Die Hiphil-Form bedeutet, dass verursacht wird, dass etwas "hinaufgeht" oder hinaufsteigt; man übersetzt es also sinngemäß mit hinaufbringen, hinaufführen. Unter den vielen Stellen, in denen ^alah im Hiphil vorkommt, sollen hier nur zwei typische zitiert werden:

... da zogen sie und brachten Josef aus der Grube herauf (^alah im Hiphil) ... Genesis 37:28

Rahab führte die Kundschafter auf das Dach hinauf ... (^alah im Hiphil) Josua 2:6

^alah im Hiphil bezeichnet ein Hinaufbringen von etwas, ohne jedoch zum Ausdruck zu bringen, auf welche Weise das geschieht. Hier zwei Stellen, die das verdeutlichen, und in denen genau der Ausdruck ma^aläh vorkommt, wie ihn auch die Wiederkäuerstellen verwenden:

Denn der HERR, unser Gott, ist es, der uns und unsere Väter aus dem Lande Ägypten, aus dem Hause der Knechtschaft, heraufgeführt hat (ma^aläh). Josua 24:17

Es geschah nämlich, während Samuel das Brandopfer (^olah) opferte (ma^aläh) ... 1.Samuel 7:10

In der letzten Stelle wird  für Brandopfer verwendet, weil diese durch Verbrennen als Rauch "aufsteigen", daher auch ihr Name "^olah = Aufsteigendes".

Der zweite Teil des obigen Ausdrucks, das Hauptwort gerah, leitet sich von dem Tätigkeitswort garar = ziehen, fortreißen, zersägen ab und wird dem Textzusammenhang nach am besten mit Gekautes, Zermahlenes übersetzt (L.Koehler und W.Baumgartner, Lexicon in veteris testamenti libros, Seite 193).

 

Der Ausdruck "ma^alat gerah" besagt also,

dass Hase und Klippschliefer Heraufbringer von Gekautem sind,

wobei nichts über die Art und Weise des "Hinaufbringens" ausgesagt wird.

 

 

Zoologische Aussagen über den Klippdachs

Nehmen wir zuerst einmal die Aussagen der Theologen zur Kenntnis:

Er ist in Wirklichkeit kein Wiederkäuer; anscheinend dachte man an die großen Ausbuchtungen des Dick- und des Blinddarmes, die an den Magen der Wiederkäuer erinnerten.
(J.Feliks in "Biblisch-Historisches Handwörterbuch", Vandenoeck & Ruprecht in Göttingen 1964; an dieser Stelle, Spalte 970, Verweis auf: P.Benoit, "Revue Biblique", 1935, Seite 581f.)

Klippdachs, Klippschliefer - kein Wiederkäuer.     
(Koehler-Baumgartner, "Lexicon in veteris testameti libros", Seite 1005. Auch hier Querverweis auf P.Benoit, "Revue Biblique", 44, 582.)

In "Brehms Tierleben" (1925, Band 12, Seite 591) wird nicht gesagt, ob der Klippdachs ein Wiederkäuer ist oder nicht, sondern lediglich festgestellt:

Der Magen wird durch eine Scheidewand in zwei Abteilungen geschieden, deren linke mehr zur Aufspeicherung, deren rechte der eigentlichen Verdauung dient.

In "Grzimeks Tierleben" (Band 12,Seite 515ff), das 1972 herausgegeben wurde, wird der Klippschliefer den Wiederkäuern zugeordnet:

Wohl nur wenige Leute können sich unter der Bezeichnung "Schliefer" etwas vorstellen. Sieht man diese murmeltierähnlichen, etwas plump gebauten Tiere einmal in einem Zoo, so möchte man nicht glauben, dass sie zur Huftierverwandtschaft gehören und hier in die gleiche Überordnung gestellt werden wie die Elefanten und Seekühe.   
Bibelkundigen Lesern wäre zumindest der Name vertraut, wenn Martin Luther bei seiner Bibelübersetzung nicht fälschlich die im Hebräischen "shaphan" genannten Tiere als "Kaninchen" bezeichnet hätte. Shaphan (auf deutsch: "der sich Verbergende") ist in Wirklichkeit die in Palästina und Syrien vorkommende Klippschlieferart.

Die Klippschliefer (Ordnung Hyracoidea, Familie Procaviidae) sind etwa kaninchengroß und ohne äußerlich sichtbaren Schwanz. Gesamtlänge 40-50 cm, Gewicht 2500-3500 Gramm. Körper gedrungen, Ohren klein und rundlich; Vorderfüße vierzehig ... Pflanzenesser; obere Schneidezähne gebogen, ständig nachwachsend. Wiederkäuer; Darm wie bei allen Pflanzenessern sehr lang, zusätzlicher Blindsack ...

Einzigartig unter allen Säugetieren ist das Darmsystem, da die Schliefer zwei Blindsäcke haben. Der erste Blindsack ist recht umfangreich und enthält Bakterien, die Zellulose verarbeiten. Der zweite, etwas kleinere Blindsack hat zwei ungefähr acht Zentimeter lange hornförmige Fortsätze; seine Aufgaben sind noch nicht geklärt.     
(Alle Zitate von U.Rahm, entnommen aus "Grzimeks Tierleben", Enzyklopädie des Tierreiches, Kindler Verlag 1972 in Zürich, Zwölfter Band, Säugetiere 3.)

Demnach befindet sich F.J.Bruijel wissenschaftlich auf der Höhe, wenn er in "Christelijke Encyclopädie", 1959, J.H.Kok N.V.Kampen, Band 4, Seite 274f, schreibt:

Der Klippdachs ist überall in felsigen Gebirgen rund um das Jordantal und den südlichen Wüstengebieten zu finden, ebenso in den Gebirgen rund um den See Genezareth. Sein Verbreitungsgebiet umfasst des weiteren Syrien, Arabien, die Nilländer, Ost-, West- und Südafrika ...  
Er ist das kleinste und zierlichste der Huftiere, obwohl seine Lebensweise mehr der der Nagetiere gleicht. Er hat die Größe eines Kaninchens und auch eine gespaltene Oberlippe; der Kopf gleicht dem eines Murmeltieres ... Er lebt in Kolonien und stellt gleich den Gemsen und Murmeltieren Wachposten auf, die bei Gefahr durch einen gellenden Schrei warnen. Sie können nahezu senkrechte Wände hinaufklettern und sind ausnehmend gute Springer (2-4 m). Der Klippdachs wiederkäut mit Hilfe eines zweiteiligen Magens, wobei die Kiefer sich ebenso wie bei allen Wiederkäuern von links nach rechts bewegen.

Ergebnis:

Da der Klippdachs ein Wiederkäuer ist, sagt die Bibel zu Recht von ihm, dass er ein "Hinaufbringer von Gekautem" ist, weil er die grob gekaute Nahrung (durch den Schlund) in die Mundhöhle "hinaufbringt", um sie noch einmal zu kauen und zu verdauen.

Interessanterweise verdanken wir diese Erkenntnis nicht etwa Theologen, die sich darum bemüht hätten, den Wahrheitsgehalt der Bibel zu beweisen, sondern Zoologen, die ohne Rücksicht auf weltanschauliche Überzeugungen geforscht haben.

Zoologische Aussagen über den Hasen

Bezüglich des Hasen besteht kein Zweifel: er ist kein Wiederkäuer. Echte Wiederkäuer im Sinne der heutigen wissenschaftlichen Systematik sind Pflanzenfresser, die sich an die schwerverdauliche Pflanzenkost durch besondere Ausbildung ihres Magen-Darmtraktes angepasst haben. Sie vermögen die aufgenommene Nahrung zunächst in einem als Gärkammer ausgebildeten Magenteil, dem Pansen, vorzuverdauen. Dabei werden vor allem die pflanzlichen Zellwände, die aus Zellulose bestehen und den Zutritt der Verdauungssäfte zum nahrhaften Zellinhalt verhindern, durch Mikroorganismen aufgeschlossen. Nach solcher Vorverdauung wird der Panseninhalt portionsweise in das Maul zurückbefördert und danach wiedergekäut.

Hiervon unterscheidet sich jedoch der biblische Begriff des "Hinaufbringers von Gekautem", denn er bezieht sich nicht auf das nochmalige Kauen, sondern allein darauf, dass das bereits Gekaute noch einem "hinaufgebracht" wird. Kann es sein, dass der Hase ein solcher "Hinaufbringer von Gekautem" ist, ohne zugleich ein Wiederkäuer zu sein? Gibt es noch eine andere Möglichkeit, "Gekautes (wieder in den Mund) hinaufzubefördern"? Was sagt die Zoologie? Zitieren wir zuerst aus "Grzimeks Tierleben", Band 12, Seite 421f, eine Passage aus der Abhandlung von Dr.R.Angermann:

Im Jahre 1882 veröffentliche Morot in einer französischen tierärtzlichen Zeitschrift seine Beobachtungen über die schleimüberzogenen "Magenpillen" der Kaninchen. Außer der normalen festen Losung erzeugen diese Tiere nämlich eine zweite Kotform - weiche, schwachgeformte Kügelchen, die sie nach Ablage sofort aufnehmen und unzerkaut schlucken. Sie sammeln sich an einer bestimmten Stelle des Magens (in der Cardiaregion) und werden nochmals verdaut. Auf solche Weise geht ein Teil der Nahrung zweimal durch den Darm und wird dadurch besser aufgeschlossen. Diese Doppelverdauung ähnelt in gewisser Weise dem Wiederkäuen der meisten Paarhuferfamilien. Der weiche Kot (Caecotrophe) wird im Blinddarm gebildet und dort stark mit Vitamin B1 angereichert; nach den Untersuchungen von Scheunert und Zimmermann enthält er gegenüber dem normalen Kot die vier- bis fünffache Menge an Vitaminen.    
Für die Hasentiere ist der "Blinddarm-" oder "Vitaminkot" lebenswichtig; er erleichtert ihnen vermutlich auch das Überstehen längerer Fastenzeiten bei ungünstiger Witterung.

Nun noch H.Wurmbach in "Lehrbuch der Zoologie", Band 2,Seite 764, 2.Auflage Stuttgart 1971:

Die Nager, und zwar sowohl die Simplizidentaten wie die Kuplizidentaten haben eine eigenartige Anpassung an die pflanzliche Ernährung erworben, das Fressen der CAECOTROPHE (Harder), gewissermaßen anstelle des Wiederkäuens. Tagsüber setzen sie normalen trockenen Kot in kleinen Ballen ab, den sie nicht fressen. Zur Zeit der Ruhe bilden sie kleine feuchte, in Schleim gehüllte weiche Kugeln, die Caecotrophen, die sie mit dem Mund vom After abnehmen und unzerkaut schlucken. Das Material zur Bildung dieser Kugeln ist im oberen Teil des Blinddarmes vergoren worden. Es wird dann im Enddarm zu den Kügelchen geformt. Diese gelangen unzerstört in den vorderen Teil des Magens und mischen sich von dort aus durch die Magenperistaltik mit dem Nahrungsinhalt des Magens, mit dem zusammen sie verdaut werden. Auf diese Weise passieren 80-100% der Nahrung zweimal den Darmkanal. Hindert man durch ein Gestell, in das man den Kopf des Nagers steckt, die Tiere daran, an den After zu gelangen, so findet man morgens die typischen weichen Ballen der "CAECOTROPHE". Auch bei genügender Fütterung gehen auf diese Weise am Kotfressen gehinderte Tiere zugrunde. Die Kugeln sind bedeutend eiweiß- und bakterienreicher als die trockenen echten Kotballen.

Ergebnis:

Der Hase ist zwar kein "Wiederkäuer" im engeren, zoologischen Sinne, jedoch ist die biblische Bezeichnung "Hochbringer von Gekautem" absolut zutreffend:

Der Hase "bringt" die bereits einmal gekaute und vorverdaute Blinddarmlosung in Form von schleimüberzogenen Pillen wieder "hinauf" und frisst sie ein zweites Mal.


Die historisch-kritische Theologie im AT
(Pentateuch- und Literarkritik, "Quellenscheidung")

 

Ausblick / Zusammenfassung:

Die historisch-kritische Theologie stellte im 19. Jahrhundert die Theorie auf, der Text der Genesis sei durch mündliche Überlieferung von verschiedenen Quellen und Überarbeitung verschiedener Redakteure viel später entstanden, als im Bibeltext selber angegeben und stamme jedenfalls nicht von Mose.

Dabei stützte man sich vor allem auf den verschiedenen Gebrauch der Gottesnamen, angebliche innere Widersprüche und Wiederholungen im Text (Doubletten), und war stark beeinflusst von der damals gerade gängigen "Mythentheorie", in der die Geschichtlichkeit nicht nur vieler biblischer Berichte grundsätzlich in Frage gestellt wurde. Ein wesentlicher Pfeiler dieser Theorien war auch die Annahme, die Schreibkunst sei zur Zeit Moses noch gar nicht entwickelt gewesen.

Doch die Ausgrabungen, die ungefähr 75 Jahre später umfangreiche Entdeckungen im Land der Genesis ans Licht brachten, haben diesen Spekulationen vollständig den Boden entzogen: Nicht nur wurden viele angeblich "mythische" Gestalten, Städte und Völker als geschichtlich erwiesen, sondern es wurde auch offenbar, dass die Schreibkunst viel früher bekannt war, als ursprünglich vermutet: Sie war bereits zu Abrahams Zeiten weit verbreitet. Die zahlreichen Schriftenfunde geben Aufschluss über die damaligen Schreibgewohnheiten. Sie bestätigen nicht nur das hohe Alter der Genesistexte, sondern ermöglichen aufgrund bestimmter Angaben im Genesis-Text, die Quellen aufzuspüren, die Mose für seinen Bericht verwendet hat.

Die historisch-kritische Theologie hat also zwar teilweise richtige Beobachtungen am Text gemacht, jedoch aufgrund weltanschaulicher Voreingenommenheit und sachlicher Unkenntnis falsche Schlussfolgerungen daraus gezogen. Ihre Theorien über die Herkunft und Zuverlässigkeit des Bibeltextes sind deswegen nicht länger haltbar. Dieser geht tatsächlich auf uralte Quellen zurück, die aber mit extremer Genauigkeit überliefert wurden und deren Herkunft aufgrund deutlicher Hinweise im Text nachvollzogen werden kann:

Wie wir gesehen haben, ist die Genesis aus einer Täfelchenserie zusammengesetzt ... Bei näherem Zusehen ist zu erkennen, dass die Täfelchen, aus denen die Genesis besteht, an manchen Stellen mit den Einteilungen der Quellenscheidung übereinstimmen. Das ist nicht verwunderlich:  
Durch die Arbeit an der Genesis sind auch von der kritischen Forschung Beobachtungen gemacht worden, z.B. über Stil, Wortgebrauch, Textzusammenhang usw., die häufig richtig sind. Aber ihre Deutung der Beobachtung ist falsch, weil sie von falschen Voraussetzungen ausgeht.
(wedg 123-124)

Die meisten der nun folgenden Texte sind ein Zitat aus:

P.J.Wiseman C.B.E.
DIE ENTSTEHUNG DER GENESIS

"Das erste Buch der Bibel im Licht der archäologischen Forschung" (Abkürzung: wedg)

R.Brockhaus Verlag Wuppertal, 1989. ISBN 3-417-00323-7.

Dieses Buch ist zur Zeit vergriffen. Zitate mit freundlicher Genehmigung von www.brockhaus-verlag.de

Weitere Passagen sind bis auf weiteres unter www.urzeitundendzeit.de/Wiseman abzurufen.


Die Bibelkritik an den Mosebüchern

P.J.Wiseman "Die Entstehung der Genesis"

 

"Mit "Pentateuchkritik" bezeichnet man den Zweig der theologischen Forschung, der sich vor allem um den Aufbau, die Autorschaft und um die Datierung der ersten fünf Bücher Moses bemüht. Unter dem übergeordneten Begriff "Literarkritik" versteht man dieselbe Bemühung um alle Bücher der Bibel ... Heute bezeichnen die genannten Ausdrücke eine theologische Schulrichtung, nach deren Ansicht die Entstehung der biblischen Bücher völlig anders zu sehen ist, als die Bibel es angibt. Von der "Literarkritik" bzw. der "Pentateuchkritik" ist die "Textkritik" klar zu unterscheiden, die sich mit Fragen des Textes, der Überlieferung und Übersetzung beschäftigt." (wedg Seite 95)

Verschiedene Gottesnamen in der Genesis

"Das Hauptargument für die Thesen der Quellenscheidung stützt sich nach Ansicht ihrer Vertreter auf den verschiedenen Gebrauch der Titel und Namen Gottes in der Genesis. Man setzt voraus, dass jeder Schreiber nur einen Namen oder Titel für Gott verwendet hat. Jeder Abschnitt oder Vers, in dem die jeweilige Gottesbezeichnung erscheint, kann auf Grund dieser Voraussetzung nur von dem Schreiber stammen, der diesen Namen allein oder vorwiegend gebraucht. Mit dieser Beobachtung begann überhaupt erst die Arbeit der Quellenscheidung.

Mit der Zeit wurde das Ganze aber ein immer komplizierteres Zusammenspiel. Soweit es in der hier gebotenen Kürze geht, wollen wir einmal dem Gedankengang dieser Hypothese folgen.    
Wie schon angedeutet, hat der französische Arzt Jean Astruc zum ersten Mal den Gedanken ausgesprochen, dass in der Genesis verschiedene Quellen verarbeitet seien, und dass man sie an dem verschiedenen Gebrauch der Gottesnamen unterscheiden könne.

In den ersten fünfunddreißig Versen der Genesis (Genesis 1:1 bis 2:4a) fand er für Gott nur den Ausdruck Elohim (Gott). In den Kapiteln 2:4b bis 3:24 heißt Gott nur Jahwe Elohim (Herr Gott), abgesehen von den Stellen, wo Satan das Wort "Gott" verwendet. Diese Texte, meinte er, müssten von zwei verschiedenen Schreibern stammen, da man nicht annehmen könne, dass Mose einmal diesen, und in einem anderen Abschnitt unvermittelt den anderen Namen für Gott verwendet habe.

Astruc teilte dann das Buch in kleinere Abschnitte auf, die sich durch ihre verschiedene Gottesbezeichnung voneinander unterschieden. Auf diese Weise kam der uns unbekannte Schreiber der elohistischen Texte zu seinem Namen "Elohist", und der Schreiber der Jahwe-Abschnitte wurde entsprechend "Jahwist" genannt." (wedg Seite 114)

Die "Quellenscheidung"

"Nach einem Jahrhundert emsiger Bemühungen hatte man folgendes ... herausgearbeitet, mit dem man den Gebrauch der Gottesnamen in der Genesis zu erklären versuchte: Die beiden Quellen J und E stammen von zwei verschiedenen Erzählern (oder auch Schulen) aus der Zeit irgendwann nach Saul. Ein Redaktor RJE verarbeitete beide Erzählungen so ineinander, wie es seinem Plan am besten entsprach, indem er beiden Berichten die gewünschten Stellen entnahm, manchmal kleine Veränderungen anbrachte oder Wörter und Sätze hinzufügte. Er verstand sein Handwerk so gut, dass es heute schwierig ist - wie die Kritiker sagen -, die ursprünglichen Texte voneinander zu unterscheiden. Spätere Redaktoren haben dann sein Werk nochmals überarbeitet. Rund tausend Jahre nach Mose ist eine weitere Quellenschrift entstanden, P (Priesterschrift) genannt. Ein Redaktor, EP, fügte diese Schrift zu JE und machte hier und da noch einige erläuternde Zusätze." (wedg Seite 114)


Die Schwächen der Pentateuch- und Literarkritik
(aus: P.J.Wiseman "Die Entstehung der Genesis)

 

Unkenntnis und blühende Phantasien

"Eines ist gewiss: die kritischen Theorien über die Entstehung der Genesis wären nie entwickelt worden, wenn man zur Zeit ihrer Entstehung die archäologischen Kenntnisse gehabt hätte, die wir heute haben. Ihre hauptsächlichen Fehlerquellen liegen ja gerade darin, dass man im letzten Jahrhundert über die in der Genesis beschriebene Zeit völlig falsche Vorstellungen hatte. Zusammenfassend sind für diese Fehlentwicklungen folgende Ursachen anzugeben:

Als die genannten Theorien entstanden, wusste man noch nichts über den Stand der Zivilisation in der Frühzeit. Man trieb die literarkritische Analyse ganz unkritisch von modernen Gesichtspunkten aus, ohne Rücksicht zu nehmen auf die (zu dieser Zeit allerdings noch unbekannten) alten Schreibgewohnheiten. Mit der größten Selbstverständlichkeit nahm man ganz allgemein an, dass die Patriarchen noch nicht schreiben konnten. ...

Selbstverständlich konnte damals niemand ahnen, dass die Ausgrabungen im Euphrattal unsere Auffassungen über jene Zeit so vollständig verändern würden. Sie begannen ja auch erste gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts; und da noch sehr zögernd." (wedg Seite 102)

Schreibkunst viel früher als vermutet

"Neben den philosophisch belasteten Grundanschauungen der Forscher war vor allem sachliche Unkenntnis eine der Ursachen für die falschen Voraussetzungen dieser Arbeit. Nur so war es möglich anzunehmen, die Zivilisation sei am Anfang der Geschichte unentwickelt und das Schreiben zur Zeit der Patriarchen noch unbekannt gewesen. Wie wenig man darüber wusste, geht schon daraus hervor, dass man die ersten nach Europa gebrachten Keilschriftzeichen für eine Art Dekoration der orientalischen Keramik hielt. Wie seltsam kommt es einem heute vor, wenn man ein Vorwort zu den Kommentaren über die Genesis aus dem 19.Jahrhundert in die Hand bekommt und liest, wie man sich dort genötigt findet, die angefochtene Behauptung zu verteidigen, dass Mose wohl doch hätte schreiben können!

Dabei haben wir Täfelchen ausgegraben, die 1000 Jahre vor Mose entstanden sind. Ich selbst habe einige davon in meiner Sammlung. Und die großen Museen haben Tausende von Täfelchen, die schon alt waren, als Mose lebte. 1000 Jahre vor dem großen Gesetzgeber der Israeliten hat man schon so gewöhnliche Dinge schriftlich festgehalten wie Geschichtsdarstellungen, Kaufverträge, Privatbriefe usw. Zu Moses Zeiten hatte man offensichtlich bereits einen kulturellen Höhepunkt hinter sich und war nicht erst dabei, sich langsam dahin zu entwickeln." (wedg Seite 104, 105)

"Keine Entdeckung hat mehr Überraschung ausgelöst als die, dass die Zivilisation in der Welt ganz plötzlich entstanden ist. Das war genau das Gegenteil dessen, was man ursprünglich angenommen hatte. Der allgemeinen Ansicht nach erwartete man, dass bei zunehmendem Alter der freigelegten Orte immer primitivere Kulturformen erscheinen würden. Aber dies trifft weder auf Babylonien noch auf Ägypten zu, wo doch die ältesten Kulturen der Welt festgestellt wurden. Dr.Hall schreibt diesbezüglich in seiner "Ancient History of the Near East": "Sooft wir auf alte Zivilisationen gestoßen sind, zeigten sich diese schon als voll entwickelt.", und an anderer Stelle: "Soweit zurück man die sumerische Kultur verfolgen kann, erscheint sie auf voller Höhe."

Die uns bekannten Angaben über den Geburtsort der Menschheit - die Genesis, die Archäologie und die geschichtlichen Überlieferungen - weisen alle auf die Ebene in Mesopotamien hin. Keine Kultur der Welt, auch nicht die der Chinesen und Inder, kann sich in ihrem Alter mit der Kultur der Bewohner Babyloniens messen." (wedg Seite 31)

"Schon um 2750 vor Christus waren für Vertragstexte und private Zwecke tönerne "Briefumschläge" in Gebrauch. Es war auch üblich, den Inhalt eines solchen Täfelchens auf dem Umschlag in einer Art Überschrift zu verzeichnen, um ihn dann mit einem privaten Siegel zu verschließen. Der Eigentümer konnte nun sicher sein, dass der Inhalt keine Veränderung erfahren hatte, wenn das Siegel unbeschädigt war. Bei Unstimmigkeiten konnte der Umschlag aufgebrochen und der Originaltext zu Rate gezogen werden. Die gewöhnliche Keilschrift war wohl schon in sehr früher Zeit allgemein bekannt. Man hat Tausende von Täfelchen gefunden, die vor der Zeit der Patriarchen entstanden sind." (wedg Seite 40)

"Es steht nun außer Frage, dass die Genesis ursprünglich ebenfalls auf solche Täfelchen geschrieben war ... Aus der Bedeutung des hebräischen Wortes für schreiben = "eingraben", "einschneiden", lässt sich die alte Schreibmethode sogar noch erkennen." (wedg Seite 47)

Die "Mythentheorie" - ein Mythos

"Fünfzig Jahre vor Beginn der archäologischen Forschungen war man allgemein sehr stark von der sogenannten "Mythentheorie" eingenommen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, also sehr bald nach der Formulierung der ersten kritischen Hypothesen, war es in ganz Europa Mode, alle auf uns gekommenen Darstellungen aus der Frühzeit der Geschichte als "Mythen" zu erklären. 1795 veröffentlichte Wolf seine berühmt gewordenen "Prologomena", in denen er zu zeigen versuchte, dass alle Personen und Orte, die bei Homer auftreten, mythologischen Ursprungs seien. Er bezeifelte sogar, dass Homer je gelebt habe.

Diese merkwürdige Ansicht breitete sich wie eine Epidemie aus. Überall suchte man dann nach weiteren historischen Dokumenten, um sie mythologisch zu deuten. Dass diese Interpretationsmethode sofort von den Vertretern der kritischen Schule aufgegriffen wurde, versteht sich von selbst. Jetzt hatte man, was man wollte: Die geschichtlichen Darstellungen der Genesis waren in Wirklichkeit nur verkleidete Aussagen der Mythologie.

Über ein dreiviertel Jahrhundert war das die herrschende Schulmeinung, als ein unerwarteter Gegenschlag alles umwarf: 1874 hatte Schliemann seine Ausgrabungen begonnen und entdeckte am 16. November 1876 das Grab des Agamemnon.

Zuerst versuchte man, seine Ausgrabungen lächerlich zu machen. Agamemnon, der König von Mykene, war doch - nach Ansicht aller führenden Wissenschaftler - die mythische Schöpfung eines unbekannten griechischen Schriftstellers. Allmählich sah man sich aber doch genötigt einzulenken. Die archäologischen Gegenbeweise redeten eine zu deutliche Sprache. Inzwischen hat man mehrere hundert Mumien von Personen entdeckt, die man früher als "mythische Gestalten" angesehen hatte, und viele Paläste ausgegraben, in denen sie gelebt haben." (wedg Seite 105, 106)

Die "moderne Kritik" befindet sich in kritischem Zustand

"Darum ist es unwissenschaftlich und ungerechtfertigt, von den "gesicherten Ergebnissen der modernen Kritik" zu reden. Die Ergebnisse sind weder gesichert noch modern. Sie stehen sogar auf recht unsicheren Füßen; und modern sind sie schon gar nicht, weil sie aus einem Jahrhundert stammen, in dem man sich noch völlig falsche Vorstellungen machte über die Zeit der Genesis. Sie sind einfach überholt. Die Archäologie hat uns den kulturellen und literarischen Hintergrund des patriarchalischen Zeitalters so deutlich gemacht, dass wir einen verhältnismäßig guten Überblick über die Ausbreitung der damaligen Zivilisation und der Schreibkenntnisse jener Zeit haben.

Damit stehen wir vor einer ganz erstaunlichen Tatsache, die kein noch so konservativer Forscher je zu hoffen gewagt hätte: Die archäologischen Forschungen haben die kritischen Hypothesen über die Genesis und deren Voraussetzungen völlig widerlegt, die Angaben der Bibel dagegen vollauf bestätigt." (wedg Seite 106)


Wurzeln und Früchte der Literarkritik
(aus: P.J.Wiseman "Die Entstehung der Genesis")

 

Die Wurzeln: Deismus und Pantheismus

"Manchmal wird die Ansicht vertreten, die kritische Forschung an der Bibel geschehe mit der Absicht, den Glauben an Gott und an seine Offenbarungen in der Schrift von falschen Stützen zu befreien und zu stärken. Ohne ungerecht sein zu wollen glauben wir, eine solch positive Bewertung der Kritik ohne weiteres in Frage stellen zu dürfen. Um hierüber eines Besseren belehrt zu werden, sehe man sich nur einmal ihre Geschichte an. Die Anfänge geben ein besonders klares Bild. Da aber am Anfang durch die Pioniere dieses Forschungszweiges die Prinzipien und Arbeitsmethoden festgelegt wurden, die noch heute für die kritische Theologie gültig sind, wird gerade hier deutlich werden, "wes Geistes Kind" die ganze Arbeit ist.

Es ist gewiss nicht Zufall, dass unter den ersten Vertretern der kritischen Forschung der englische Deist Hobbes und der holländische Jude Spinoza zu nennen sind. Spinoza ist der Begründer des philosophischen Pantheismus, einer philosophischen Richtung, die die Existenz eines persönlichen Gottes radikal verneint (!). Diese Männer führten einen offenen Kampf, nicht nur gegen die Bibel als Offenbarung Gottes - keiner von ihnen glaubte, dass sie wirklich göttliche Offenbarung sei -, sondern auch gegen die christliche Botschaft als solche. Von ihnen übernahm Eichhorn den Begriff "Literarkritik"." (wedg Seite 125)

"De Wette scheute sich darum auch nicht, noch weiter zu gehen und den historischen Boden des Buches zu verlassen. Noch seiner Meinung ist die Genesis mehrere Jahrhunderte nach Mose geschrieben worden; auch enthalte sie keine Tatsachen, sondern nur Legenden. Relativ unbedeutende geschichtliche Ereignisse seien im Lauf der Jahrhunderte durch die mündliche Tradition glorifiziert und mit einem Legendenkranz umwoben worden. Als die Bibelkritik dieses Stadium der Entwicklung erreicht hatte, trat ihr ein Hindernis in den Weg: die Autorität Jesu Christi und seine Stellung zum Alten Testament und besonders zur Genesis.

Hier mache Semler, ein weiterer Pionier der kritischen Forschung, den Weg frei und verkündete seine "Akkomodationstheorie". Diese Theorie leugnet die Berechtigung, dass Jesus Christus hier als Zeuge angeführt werden könne. Nach ihr hat Jesus zwar von Mose als dem Verfasser einiger Bücher des Alten Testamentes gesprochen, er schloss sich dabei aber nur der Meinung des Volkes an, um nicht anzustoßen (er wusste es also besser, sagte es aber nicht!). Es ist für solche Theorien kennzeichnend, dass sie den Wahrheitsbegriff aufweichen. Wie unmöglich sie sind, kann jeder sehen. Wer wollte wirklich zu behaupten wagen, Jesus hätte sich der Unkenntnis seiner Zeit angeglichen, um nicht anzustoßen, wo gerade er doch sein Leben eingesetzt hat, die falschen Ansichten seiner Zeitgenossen zu korrigieren." (wedg Seite 126)

Die Früchte: Zweifel und Unglaube

"Der letzte und größte Pionier der kritischen Forschung, der noch eigene und neue Gedanken hervorgebracht hat, war Julius Wellhausen. Grundsätzlich Neues ist nach ihm nicht mehr gesagt worden; die alten Gedanken sind nur hier und da modifiziert und durch neue Fragestellungen bereichert worden. Wellhausen wurde ein reiner Rationalist. In demselben Maße, wie seine Forderungen ihm Blatt um Blatt der Bibel aus der Hand nahmen, schwand auch sein Glaube, bis von beiden nichts mehr übrig war. Er gab sogar öffentlich zu, dass er seinen Glauben "zerstört" habe." (wedg Seite 128)

"Nach ihm kam Kuenen. In seinem Buch Religion of Israel beschreibt er die Religion Israels im Vergleich mit den anderen Religionen und sagt (S.37): <Für uns ist die Religion Israels eine der Religionen, nicht mehr und nicht weniger.> Alle diese Männer gingen vom Glauben zum Zweifel und vom Zweifel zum radikalen Unglauben. Die Sache, die sie trieben, hatte ihr eigenes Gefälle und trieb sie zu den praktischen Folgerungen, wie sie Friedrich Delitzsch in seiner Schrift: "Die große Enttäuschung" beschrieb." (wedg Seite 128)

Einseitige Forschung

"Man muss leider noch immer feststellen, dass die grundsätzliche Neigung der kritischen Forschung nach wie vor einseitig ist. Man hat den Eindruck, dass die Bibel nur zu dem Zweck untersucht wird, Material zu sammeln, das gegen ihre Echtheit und Glaubwürdigkeit spricht ... Sogar die gemäßigten Forscher wie Driver u. a. zitieren nur solche Stellen, aus denen man, im Gegensatz zu den biblischen Angaben, spätere Abfassungszeiten usw. herauslesen könnte. Stellen, die in eine andere Richtung weisen, werden einfach übergangen.

Sayce sagt in seinem Buch Higher Criticism and the Monuments auf Seite 21, dass man den Eindruck habe, "die Bibel sei regelrecht gefoltert worden, um Aussagen gegen sich selbst aus ihr herauszupressen. Nicht eine Stelle ist übersehen worden, die sich gegen sie auslegen ließe, und nicht eine Deutung, die der Diskriminierung der Bibel weiter Vorschub leisten könnte".

Diese einseitige, negative Grundtendenz in der kritischen Forschung, die keiner leugnen kann, der ihre Geschichte kennt, beweist eine philosophische Voreingenommenheit, die sie zur Beurteilung so wichtiger Fragen wie die der Entstehung biblischer Bücher untauglich macht." (wedg Seite 128,129)


War Jona ein falscher Prophet?

 

Und das Wort des HERRN geschah zu Jona, dem Sohn des Amittai: Mache dich auf, geh nach Ninive, der großen Stadt, und verkündige gegen sie! Denn ihre Bosheit ist vor mich aufgestiegen. (Jona 1:1-2)

Jona, der Sohn des Amittai (2.Könige 14:25), lebte ungefähr 800 vor Christus und war ein Prophet, dessen Wort eintraf. Dennoch hört man immer wieder, Jona sei ein Beispiel dafür, dass ein Prophet etwas im Namen Gottes vorhersagte, das dann doch nicht geschah. Jona habe nämlich den Untergang Ninive"s, sogar mit Angabe einer Frist, als sicher angekündigt, und sei dann enttäuscht und beleidigt gewesen, als seine Vorhersage sich nicht erfüllte:

Da machte Jona sich auf und ging nach Ninive, gemäß dem Wort des HERRN. Ninive aber war eine große Stadt vor Gott, drei Tage zu durchwandern. Und Jona begann, in die Stadt hineinzugehen, eine Tagereise weit. Und er rief und sprach: Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört! (Jona 3:3-4)

Fast alle Übersetzungen verwenden an dieser Stelle Worte wie "zerstört" (zum Beispiel Elberfelder, Einheits-, Schlachter; Luther: untergehen; King James: overthrown). Die zurecht als sehr genau bekannte Elberfelder Übersetzung merkt in der Fußnote jedoch an, was hier wirklich steht: „wörtlich: umgewendet". Im Hebräischen steht hier das Wort "haphak"[1], das folgende Bedeutungen hat:

umwenden (wie ein Mensch sich in seiner Laufrichtung umwendet, Richter 20:39,41 und viele andere), total verwandeln, ins Gegenteil umgekehren (zum Beispiel Ostwind in Westwind, Exodus 10:19; Fluch in Segen, 5.Mose 23:6; das Unterste zuoberst, Richter 7:13; Unglück in Glück, Esther 9:1,22), und wird in Bezug auf Menschen für zwei Arten von Verwandlung verwendet (siehe Anhang):

 

·   Die totale "Wende", die Bekehrung und Veränderung eines Menschen oder einer Bevölkerung, sei es vom Guten zum Schlechten: der Pharao verhärtet sich, Exodus 14:5, oder vom Schlechten zum Guten: Saul, 1.Samuel 10:6,9; die Bekehrung ganzer Völker, Zephanja 3:9.

·   Die totale Umkehrung und Vernichtung einer Landschaft oder Bevölkerung: insbesondere Sodom und Gomorrha, Genesis 19:21,25 u.a.; Edom, Jesaja 34:9.

 

Ein klassisches Beispiel ist die Verwandlung von König Saul durch Gottes Einwirken, die ihm vom Propheten Samuel angekündigt wurde:

Und der Geist des HERRN wird über dich kommen, und du wirst weissagen und wirst in einen anderen Menschen umgewandelt werden (hebr. haphak) (1.Samuel 10:6; eine Herzen-Wandlung bei Gott: Hosea 11:8)

Gott stellte den Menschen von Ninive also das Ultimatum, entweder innerhalb von vierzig Tagen "umgekehrt", total vernichtet zu werden, oder sich von Gott total verändern zu lassen, sich selber zu "bekehren" und verschont zu werden! Dies ist ein Wesenszug Gottes, der in den hebräischen Schriften der Bibel immer wieder betont wird:

Einmal rede ich über ein Volk und über ein Königreich, es ausreißen, niederbrechen und zugrunde richten zu wollen. Kehrt aber jenes Volk, über das ich geredet habe, von seiner Bosheit um, lasse ich mich des Unheils gereuen (hebr. nacham), das ich ihm zu tun gedachte.   
Und ein anderes Mal rede ich über ein Volk und über ein Königreich, es bauen und pflanzen zu wollen. Tut es aber, was in meinen Augen böse ist, indem es auf meine Stimme nicht hört, so lasse ich mich des Guten gereuen (hebr. nacham), das ich ihm zu erweisen zugesagt habe. (Jeremia 18:7-10 ELB)

Und zerreißt euer Herz und nicht eure Kleider und kehrt um zum HERRN, eurem Gott! Denn er ist gnädig und barmherzig, langsam zum Zorn und groß an Gnade, und lässt sich das Unheil gereuen (hebräisch: nacham). (Joel 2:13 ELB)

Gott ist zwar nicht wie ein Mensch, der aus einer Laune heraus, ohne triftige Gründe, etwas bereut oder sich durch Äußerlichkeiten, wie das Zerreißen von Kleidern oder das Darbringen von Opfern, beeindrucken lässt (Numeri 23:19; 1.Samuel 15:28). Aber wenn sich die Sachlage ändert, weil Menschen wirklich von ihren falschen Wegen umkehren, dann ändert Gott auch seine Haltung. Im Gegensatz zur menschlichen ist die göttliche Reue also quasi berechenbar, verlässlich. Genau diese Hoffnung ergriffen die Menschen von Ninive:

Wer weiß, vielleicht wendet sich Gott und lässt es sich gereuen (hebr. nacham) und kehrt um von der Glut seines Zornes, so dass wir nicht umkommen.  
Und Gott sah ihre Taten, dass sie von ihrem bösen Weg umkehrten. Und Gott ließ sich das Unheil gereuen (hebr. nacham), das er ihnen zu tun angesagt hatte, und er tat es nicht. (Jona 3:9-10 ELB)

Jona war nicht etwa enttäuscht, dass sein Wort sich nicht erfüllt hatte, sondern dass die Option eingetreten war, die er von Anfang an gefürchtet und seinen Feinden nicht gegönnt hatte. Die Assyrer, deren Hauptstadt Ninive war, hatten Israel nämlich grausam bekriegt und waren deshalb gefürchtete und gehasste Gegner. Jona war nicht überrascht von der Wende zum Guten, sondern er hatte sie geradezu erwartet und mit ihr gerechnet. Genau das war der Grund gewesen, warum er bei der ersten Aufforderung Gottes, nach Ninive zu gehen, die Flucht angetreten hatte – er wollte die Bekehrung und Rettung Ninives nicht!

Und er betete zum HERRN und sagte: Ach, HERR! War das nicht meine Rede, als ich noch in meinem Land war? Deshalb floh ich schnell nach Tarsis! Denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langsam zum Zorn und groß an Güte, und einer, der sich das Unheil gereuen lässt! (Jona 4:2)

Noch ein Problem: Drei Tage im Bauch eines Fisches?

Zwei Dinge wurden am Buch Jona schon immer als unglaublich angesehen: Dass ein "Walfisch" einen Menschen "im Stück" verschlucken kann, und dass ein Mensch drei Tage im Bauch eines Fisches überleben kann. Das Buch Jona ist jedoch keine Phantasie-Lehrerzählung oder ein "Gleichnis", denn Jona wird ausdrücklich als "Sohn des Amittai" identifiziert, der an anderer Stelle der Bibel erwähnt wird (2.Könige 14:25).

Luther übersetzt in Mattäus 12:40 zwar mit "Walfisch, doch die anderen Übersetzungen geben das griechische "kätos" als Entsprechung des hebräischen "dag" besser mit "Fisch" wieder (wörtlich scheint kätos = Verschlinger zu bedeuten). Heute ist bekannt, dass es Fische gibt, die dazu in der Lage sind, Menschen ganz zu verschlucken, zum Beispiel der Walhai.

Auf der anderen Seite wird nicht behauptet, dass Jona drei Tage in dem Fisch überlebte, im Gegenteil, der Text deutet eher in die Richtung, dass Jona "hinüber" war:

Aus dem Schoß des Totenreiches (hebr. sche^ol) schrie ich um Hilfe … (Jona 2:3)

Demnach war die Wiederbelebung von Jona ein Wunder – allerdings kein größeres als die Auferweckung des bereits verwesenden Leichnams von Lazarus nach vier Tagen (Johannes 11)! Wer Jona"s "Auferstehung" für unmöglich hält, muss folgerichtig auch die Auferstehung Jesu in Frage stellen. Und die ist keine Nebensache, sondern das Zentrum und die Grundlage des christlichen Glaubens:

Wenn Christus nicht auferweckt ist, so ist also auch unsere Predigt inhaltslos, inhaltslos aber auch euer Glaube … Wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist euer Glaube nichtig … also sind auch die, welche in Christus entschlafen sind, verlorengegangen. Wenn wir allein in diesem Leben auf Christus gehofft haben, so sind wir die elendesten von allen Menschen. (1.Korinther 15:12-19)

Jesus selber setzt Jona"s dreitägigen Aufenthalt im Bauch eines Fisches als tatsächlich geschehen voraus und vergleicht ihn mit seinem eigenen Tod und seiner Auferstehung:

Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht begehrt ein Zeichen, und kein Zeichen wird ihm gegeben werden als nur das Zeichen Jonas, des Propheten. 
Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein. 
Männer von Ninive werden aufstehen im Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen, denn sie taten Buße auf die Predigt Jonas; und siehe, mehr als Jona ist hier. (Matthäus 12:39-41)

Die Menschen von Ninive bekamen also kein direktes Zeichen von Gott, denn sie waren ja nicht Augenzeugen von Jona"s Aufenthalt im Fisch. Das "Zeichen Jona's" war dessen gewaltige Predigt-Gabe, also seine Fähigkeit, die Zuhörer ihrer Sünde zu überführen, was ihm ja auch gut gelang. Gleich im nächsten Vers vergleicht Jesus diese Gabe deshalb mit der Weisheit Salomos (Matthäus 12:39-41), die ebenso bis zur Zeit Jesu nicht wieder erreicht wurde. Wer also nicht auf das "Zeichen Jona's", die überführende Kraft der Predigt, hört und aus eigener Einsicht "umkehrt", wird kein anderes Zeichen von Gott bekommen - und entscheidet sich damit für die zweite Variante des Ultimatums Gottes, nämlich "umgekehrt" zu werden.


 

Hebräisch haphak =  
wenden, umdrehen, umkehren, umwandeln, verändern

 

 

Die Grundbedeutung dieses Wortes ist laut den Standard-Wörterbüchern zum AT, Gesenius (Seite 186) und Köhler-Baumgartner (Seite 240):

"wenden", "umdrehen", zum Beispiel ein Brot beim Backen (Hosea 7:8), eine Schüssel (2.Könige 21:13), sodann "ins Gegenteil umkehren", "umstürzen".

Im Niphal bedeutet es "sich wenden, drehen", "verwandelt werden", im Hitpael "sich hin und her wenden" (Genesis 3:24).

Davon abgeleitete hebräische Wörter

Hephäk = Gegenteil, Verkehrtheit (Hesekiel 16:34)

Haphekah = Umsturz (Genesis 19:29)

Mahpekah = Umsturz, Umkehrung, "Zerstörung" (Deuteronomium 29:22; Jesaja 1:7; 13:19; Jeremia 49:18; 50:40)

Tahpukot = Verdrehungen, "Verkehrtheit", "Perversion" (Deut. 32:20; Sprüche 2:12; ; 2:14; 6:14; 8:13; 10:31; 10:32; 16:28; 16:30; 23:33)

Mahpäkät = "Block", ein Holz, in dem der Gefangene mit Händen und Füßen krumm geschlossen wird, um ihn zu "bekehren" (2 Chronik 16:10; Jeremia 20:2,3; 29:26)

Haphakpak = verkehrt, "gewunden" (Sprüche 21:8)

Verwandte Wörter anderer Sprachen

Neuhebräisch, jüdisch-aramäisch, syrisch: h-p-k = wenden, umkehren

Ugaritisch: h-p-k = umstürzen

 

Der Gottesname "JHWH"

 

Ein angeblicher Beweis für die Bibelkritik

"In dieser Verbindung müssen wir noch auf eine wichtige Stelle besonders eingehen. Schon Astruc hat auf sie hingewiesen und sie zur Unterstützung seiner Theorie herangezogen. Seine Nachfolger machten es ihm natürlich nach und sahen in ihr einen starken Pfeiler für das Gebäude ihrer Hypothesen. Es handelt sich um die Stelle in Exodus 6:3, wo es heißt:

"Da redete Gott mit Mose und sagte zu ihm: "Ich bin der Herr (Jahwe). Ich bin dem Abraham, Isaak und Jakob als der "allmächtige Gott" (El Schaddai") erschienen, aber mit meinem Namen Herr (Jahwe) habe ich mich ihnen nicht geoffenbart."

Nach Ansicht der Vertreter der Literarkritik ist mit diesem Satz alles gesagt. "Nicht eine einzige Stelle (der Genesis) kann aus der Hand des Schreibers von Exodus 6:3 stammen; es sei denn, er widerspräche sich selbst", schreibt Carpenter (Oxford Hexateuch Band 1, Seite 34)." (wedg 115,116)

Vorurteile und mangelnde Sorgfalt

Doch diese Schlussfolgerung ist schlichtweg falsch, weil sie weder dem Text, noch dem Textzusammenhang gerecht wird. Es ist haarsträubend, auf welchen Auslegungsmorast man hier ein ganzes Lehrgebäude gestellt hat. Nur eine Mischung von Voreingenommenheit und mangelnder Sorgfalt bei der Forschung am Bibeltext konnte das ermöglichen. Denn der Schlüssel zur Lösung des scheinbaren Problems liegt im Text selber, zum Greifen nahe, und wird in vielen anderen Bibelstellen bestätigt:

Ich bin Abraham, Isaak und Jakob erschienen als Gott, der Allmächtige (hebräisch El Schaddaj). Aber mit meinem Namen Jahwe habe ich mich ihnen nicht zu erkennen gegeben (hebräisch jada^ in der Niphal-Form). (Exodus 6:2-4)

Die Verwendung von hebräisch jada^ = erkennen in der Niphal-Form zusammen mit schem = Name macht offensichtlich, dass es hier nicht um die Verwendung oder Aussprache eines Namens geht, sondern um etwas ganz anderes. Es zeugt von einer mangelnden Vertrautheit mit den hebräischen Sprachgewohnheiten und einer Unkenntnis zentraler Aussagen des Alten Testamentes, wenn man diese Worte im Sinne von Astruc dahingehend deutet, Mose habe bis dahin den Namen Jahwe noch nie gehört. Astruc hat gleich drei Tatsachen übersehen:

1. Wissen und Erkennen sind zweierlei

Es gibt tatsächlich einen Fall in der Bibel, wo jemand den Namen einer Person nicht weiß und sie darum bittet, ihn doch mitzuteilen:

Und Jakob fragte (die Gestalt, die mit ihm gekämpft hatte) und sagte: Teile mir doch deinen Namen mit! (hebräisch nagad im Hiphil) Er aber sagte: Warum fragst du denn nach meinem Namen? (Genesis 32:30)

Jakob verwendet an dieser Stelle ein Wort mit einer ganz anderen Bedeutung, nämlich das hebräische nagad = mitteilen, welches das Bekanntmachen eines bis dahin unbekannten Sachverhaltes meint, das sachliche In-Kenntnis-Setzen. Meist wird es mit mitteilen, kundtun, berichten, bezeugen übersetzt.nagad

In Exodus 6:3 steht jedoch jada^ = erkennen. Dieses ist in der Bibel sehr häufig und bezeichnet viel mehr als ein rationales Wissen, nämlich eine tiefe Gemeinschaft, in der man keine Geheimnisse mehr voreinander hat. Immer wieder wird es gebraucht, um das Intim-Werden, also die geschlechtliche Vereinigung von Mann und Frau, zu bezeichnen, so in Genesis 4:1:

Und Adam erkannte(jada^) seine Frau, Eva, und sie wurde schwanger ...

Es geht also nicht um die oberflächliche Kenntnis eines Namens, sondern um das "unverhüllte" Erkennen und Verstehen des Wesens, das mit diesem Namen bezeichnet wird, eine unvergleichlich tiefere Erkenntnis.

2. Ungenauigkeit bei der Interpretation: jada^ im Niphal

Dazu kommt, dass das recht häufige jada^ = erkennen (958 Vorkommen im AT) in Exodus 6:3 im Niphal-Stamm steht, das im Alten Testament nur vierzehn Mal vorkommt.jada^ Dies ist eine Feinheit im Text, die aber im Hebräischen eindeutig ist und einen wesentlichen Bedeutungsunterschied bewirkt. Wie die meisten Übersetzungen auch richtig wiedergeben, sagt Gott nämlich keinesfalls: "Ich habe ihnen meinen Namen nicht zu erkennen gegeben", sondern:

Ich habe MICH ihnen nicht zu erkennen gegeben mit meinem Namen Jahwe.

Genau diese Aussage finden wir zum Beispiel in Psalm 9:17, der wie ein klärender Kommentar wirkt. Auch hier steht jada^ = erkennen im Niphal:

Der HERR hat sich zu erkennen gegeben (jada^ im Niphal), er hat Gericht ausgeübt: der Gottlose hat sich verstrickt im Werk seiner Hände ... Denn nicht für immer wird der Arme vergessen, noch geht der Elenden Hoffnung für ewig verloren. Psalm 9:17-19

Auch hier geht es absolut nicht darum, Menschen über eine Buchstabenfolge in Kenntnis zu setzen, sondern dass Gott sich als "Richter" offenbart, als derjenige, der das Recht wieder herstellt. Typisch dafür, wenn Jahwe "SICH" zu erkennen gibt, ist nämlich, dass den Armen geholfen wird, während die Gewalttätigen gemäß ihren eigenen Werken gerichtet werden. Dabei wird die Macht des HERRN offenbar, die Menschen müssen ihre Ohnmacht einsehen:

Steh auf, HERR, dass nicht der Mensch Gewalt habe! Mögen gerichtet werden die Nationen vor deinem Angesicht! Lege Furcht auf sie, HERR! Mögen die Nationen erkennen, dass sie Menschen sind! Psalm 9:20-21

3. Wie Jahwe seinen Namen im AT kundtut

Es ist fast schon peinlich, wie oberflächlich die Kritik mit dem Text von Exodus 6:3 umgegangen ist. Es zeugt von einer starken Voreingenommenheit, dass man den Text geradezu mit Begeisterung im Sinne eines Widerspruchs gedeutet hat, anstatt sich einmal gründlich im Alten Testament umzusehen. Denn das Thema des "Kundtuns des Namens Jahwes" ist dort so zentral und die Zahl der Bibelstellen, die dies dokumentieren, so groß, dass wir sie hier gar nicht alle behandeln können - wir beschränken uns auf die für uns jetzt wichtigsten Vorkommen. Hätten die Kritiker ein wenig mehr Sorgfalt angewandt, hätten sie sehr bald und zweifelsfrei festgestellt, dass Gott auch viel später noch seinem eigenen Volk (!), das ihn damals schon lange "dem Namen nach" kannte, seinen Namen "kundtun" musste (hebräisch schem und jada^):

Darum siehe, ich werde sie zur Erkenntnis (hebräisch jada^) bringen. Diesmal werde ich sie meine Hand und meine Macht erkennen lassen; und sie werden erkennen (hebräisch jada^), dass mein Name Jahwe ist. (Jeremia 16:21)

Und ihr werdet erkennen(hebräisch jada^), dass ich Jahwe bin, wenn ich mit euch handle um meines Namens willen und nicht nach euren bösen Wegen und nach euren verderbenbringenden Taten, Haus Israel, spricht der Herr, HERR. (Hesekiel 20:44)

Niemand käme an diesen Stellen auf die Idee, das Volk hätte noch nie von dem Namen Jahwe gehört! Nein, das Kundtun des Namens Jahwe besteht nicht in dessen Aussprache oder Betonung einer Buchstabenfolge, sondern im Handeln, im Erweisen der Macht Gottes an den betreffenden Menschen! Der Textzusammenhang macht immer wieder klar, dass dabei der Charakter Jahwes einerseits als Retter und andererseits als Richter im Vordergrund steht.

Der Textzusammenhang von Exodus 6

Die Situation in Exodus 6:3 entspricht haargenau dem, was wir bis jetzt über das "Erkennen des Namens Jahwes" herausgefunden haben: Mose hatte ausdrücklich "im Namen Jahwes" gefordert, der Pharao solle das unterdrückte Israel ziehen lassen. Das Resultat war jedoch nicht die erhoffte, sofortige Befreiung vom Frondienst, sondern, im Gegenteil, noch mehr Unterdrückung:

Da sahen sich die Aufseher der Söhne Israel in einer üblen Lage, weil man sagte: Ihr sollt nichts an euren Ziegeln kürzen: die Tagesleistung an ihrem Tag! Als sie nun vom Pharao herauskamen, trafen sie Mose und Aaron; die traten ihnen entgegen. Und sie sagten zu ihnen: Der HERR sehe auf euch und halte Gericht darüber, dass ihr unseren Geruch beim Pharao und bei seinen Hofbeamten stinkend gemacht habt, indem ihr ihnen das Schwert in die Hand gegeben habt, uns umzubringen. (Exodus 5:19-21)

Kein Wunder, dass Mose von diesem Verlauf total enttäuscht war und Gott fragte: Wo ist die Offenbarung deines Charakters als Jahwe, als Retter?

Da wandte sich Mose an den HERRN und sagte: Herr, warum hast du so übel an diesem Volk gehandelt? Wozu hast du mich denn gesandt? Seitdem ich nämlich zum Pharao hineingegangen bin, um in deinem Namen zu reden, hat er an diesem Volk übel gehandelt, aber errettet hast du dein Volk keineswegs. Exodus 5:22-23

Das ist der Wendepunkt in diesem Drama. Jetzt kündigt Gott an, dass sich ab sofort etwas grundsätzlich ändern werde: Mit "starker Hand" will Gott seine rettende Macht erweisen, das Ergebnis wird sein, dass Pharao Israel nicht nur gehen lässt, sondern regelrecht hinauskatapultieren wird:

Der HERR jedoch sprach zu Mose: Nun sollst du sehen, was ich dem Pharao antun werde. Denn durch eine starke Hand gezwungen, wird er sie ziehen lassen, ja, durch eine starke Hand gezwungen, wird er sie aus seinem Land hinausjagen. Exodus 6:1

Nach dieser Ankündigung bezieht Gott sich erklärend zurück auf die Geschichte: Abraham, Isaak und Jakob hat er das Land zwar in einem Bund versprochen. Sie kannten Jahwe auch dem Namen nach. Aber welches tiefere Wesen, welche Retter- und Richterkraft sich dahinter verbirgt, hatten sie nie erlebt. Sie hatten das versprochene Land nie besessen, sondern zogen als Fremdlinge darin umher, immer in Gefahr durch die dort herrschenden Mächte:

Und Gott redete zu Mose: Ich bin Jahwe. Ich bin Abraham, Isaak und Jakob erschienen als Gott, der Allmächtige (El Schaddaj). Aber mit meinem Namen Jahwe habe ich mich ihnen nicht zu erkennen gegeben (jada^ im Niphal). Auch habe ich meinen Bund mit ihnen aufgerichtet, ihnen das Land Kanaan zu geben, das Land ihrer Fremdlingschaft, in dem sie sich als Fremdlinge aufgehalten haben. (Exodus 6:2-4)

Mit anderen Worten: Gott ist nicht aktiv geworden als Jahwe. Genau diese Zurückhaltung erzeugte zuletzt bei Mose eine tiefe Verunsicherung, weil sein Wissen über Gott und dessen Verheißungen sich nicht mit der Realität zu decken schienen. Doch Gott betont, dass er nicht nur ein toter Name ist, sondern ein hörender Gott. Er hat den rechtlosen Zustand der Nachfahren Abrahams, besonders die Unterdrückung der Israeliten durch Ägypten, sehr wohl wahrgenommen und das Stöhnen der Israeliten gehört:

Und auch ich, ja, ich selbst habe das Ächzen der Söhne Israel gehört, die die Ägypter zur Arbeit zwingen, und ich habe an meinen Bund gedacht. (Exodus 6:5)

Dies ist die klassische Situation, die Jahwe in seiner Eigenschaft als Retter und Richter auf den Plan ruft:

Darum sage zu den Söhnen Israel: Ich bin der HERR; ich werde euch herausführen unter den Lastarbeiten der Ägypter hinweg, euch aus ihrer Arbeit erretten und euch erlösen mit ausgestrecktem Arm und durch große Gerichte. Und ich will euch mir zum Volk annehmen und will euer Gott sein. Und ihr sollt erkennen(hebräisch jada^), dass ich Jahwe, euer Gott, bin, der euch herausführt unter den Lastarbeiten der Ägypter hinweg. (Exodus 6:6-7)

Die Israeliten sollten den Gott, den sie bis jetzt nur dem Namen nach kannten, erleben. Wieder weisen zentrale Worte auf das Wesen Jahwes hin: "erretten mit ausgestrecktem Arm" und "große Gerichte". Immer wieder scheint dieses Thema im Buch Exodus durch:

Dann werde ich meine Hand an Ägypten legen und meine Heerscharen, mein Volk, die Söhne Israel, durch große Gerichte aus dem Land Ägypten herausführen. Und die Ägypter sollen erkennen (hebräisch jada^), dass ich Jahwe bin, wenn ich meine Hand über Ägypten ausstrecke und die Söhne Israel aus ihrer Mitte herausführe. Exodus 7:4,5

Dabei wird auch der Bogen von dem Versprechen an Abraham, Isaak und Jakob zu dessen Erfüllung gespannt: Abraham hatte Gott nur als "El Schaddaj", den Allmächtigen und Versorger, erlebt. Aber er besaß keinen Fußbreit Boden des versprochenen Landes (Apostelgeschichte 7:5). Das sollte sich nun ändern - im Namen Jahwes:

Dann werde ich euch in das Land bringen, um dessentwillen ich meine Hand zum Schwur erhoben habe, dass ich es Abraham, Isaak und Jakob geben will, und ich werde es euch zum Besitz geben, ich, Jahwe! Exodus 6:8

Es ist also offensichtlich und nicht zu leugnen: In Exodus 6:3 geht es nicht um die Kenntnis der Aussprache des Namens Jahwes, sondern darum, dass Gott sein innerstes Wesen als Retter und Richter für alle sichtbar offenbaren wollte, indem er die versklavten Israeliten nach langer Zeit geduldigen Wartens endlich und mit dem nötigen Nachdruck aus der Hand ihrer Unterdrücker befreite.

Eine klare Bestätigung!

Ein weiterer Beweis hierfür ist die folgende Bibelstelle, die genau dieselbe Formulierung wie in Exodus 6:3 gebraucht:

Aber ich handelte gnädig um meines Namens willen, damit er nicht entweiht würde vor den Augen der Nationen, in deren Mitte sie waren und vor deren Augen ich mich ihnen zu erkennen gegeben hatte (jada^ im Niphal), indem ich sie aus dem Land Ägypten herausführte. (Hesekiel 20:9)

Wieder wird der Zusammenhang zwischen dem Namen Jahwe und dessen besonderer "Funktion" betont: Rettung aus Ägypten, dem System der Unterdrückung. Das Sich zu erkennen Geben bestand eindeutig nicht in der Aussprache dieses Namens, sondern in der Tat der Befreiung!

Als Letztes sei noch erwähnt, dass ein Zusammenhang zwischen der Heiligkeit Gottes und seinem Jahwe-Namen besteht. Die folgende Stelle, in der es auch um das Erkennen-Lassen (hebräisch jada^) des Namens Jahwehs geht, ist eine Parallele zur Begegnung zwischen Gott und Mose am Dornbusch, wo er über seinen Jahwe-Namen spricht:

Und ich werde meinen großen, unter den Nationen entweihten Namen heiligen, den ihr mitten unter ihnen entweiht habt. Und die Nationen werden erkennen (hebräisch jada^), dass ich Jahwe bin, spricht der Herr, HERR, wenn ich mich vor ihren Augen an euch als heilig erweise. (Hesekiel 36:23)

Der Name JHWH in dem Buch Exodus

Wir haben nun gesehen, was der unmittelbare Textzusammenhang von Exodus 6 aussagt und haben es mit dem verglichen, was im Rest des AT darüber gesagt wird. Es ist nun jedoch sicher kein Zufall, dass gerade im Buch Exodus ein weiteres Mal das Erkennen von Namen (hebräisch jada^ schem), speziell des Namens JHWH im Mittelpunkt steht:

Mose nun sagte zum HERRN: Siehe, du sagst zu mir: Führe dieses Volk hinauf! - aber du hast mich nicht erkennen lassen, wen du mit mir senden willst, wo du doch selbst gesagt hast: Ich kenne dich mit Namen, ja, du hast Gunst gefunden in meinen Augen ...     
Er antwortete: Mein Angesicht wird mitgehen und dich zur Ruhe bringen ... Auch diesen Wunsch, den du jetzt ausgesprochen hast, werde ich erfüllen; denn du hast Gunst gefunden in meinen Augen, und ich kenne dich mit Namen.
Mose aber sagte: Laß mich doch deine Herrlichkeit sehen! Er antwortete: Ich werde all meine Güte an deinem Angesicht vorübergehen lassen und den Namen Jahwe vor dir ausrufen: Ich werde gnädig sein, wem ich gnädig bin, und mich erbarmen, über wen ich mich erbarme.(Exodus 33:12-19)

Dies ist die konsequente Fortsetzung von Exodus 6! Gott kannte Mose mit Namen. Damit ist nicht gemeint, dass er ihn beim Dornbusch gleich beim Namen rief - das war nur das Symbol dafür! - sondern dass er sein Wesen kannte und mit diesem Charakter einverstanden war. Mose war ein Mann Gottes! (Deuteronomium 33:1; Psalm 90:1) Darum wollte Gott sich ihm in noch größerem Maße zu erkennen geben. Es bereitete ihn nicht für das einfache Ausrufen eines Namens vor, sondern er wollte ihm sein Wesen offenbaren. Diese Bibelstellte erklärt einmal mehr, was es heißt, sich mit Namen zu kennen:

·         dem anderen unverhüllt, "von Angesicht zu Angesicht" begegnen

·         ihn Gunst finden lassen, also wohlwollend sein

Und es wird schon einmal angedeutet, was mit dem Namen JHWH zu verbinden ist: Güte, Gnade, Erbarmen, Souveränität. Dies ist nicht nur ein kleines, persönliches Treffen zwischen zwei Personen, sondern bei dieser Gelegenheit gab Gott dem Mose zum zweiten Mal die zehn Gebote. Es handelt sich also um einen weiteren Meilenstein in der Geschichte Gottes mit Israel:

Darauf sprach der HERR zu Mose: Haue dir zwei steinerne Tafeln wie die ersten zurecht! Dann werde ich auf die Tafeln die Worte schreiben, die auf den ersten Tafeln standen, die du zerschmettert hast ... 
Da stieg der HERR in der Wolke herab, und er trat dort neben ihn und rief den Namen des HERRN aus.  
Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: Jahwe, Jahwe, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und reich an Gnade und Treue, der Gnade bewahrt an Tausenden von Generationen, der Schuld, Vergehen und Sünde vergibt, aber keineswegs ungestraft läßt, sondern die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern und Kindeskindern, an der dritten und vierten Generation. ... 
Er sprach: Siehe, ich schließe einen Bund: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie bisher nicht vollbracht worden sind auf der ganzen Erde und unter allen Nationen. Und das ganze Volk, in dessen Mitte du lebst, soll das Tun des HERRN sehen; denn furchterregend ist, was ich an dir tun werde. Exodus 34:1-10

Mit dem Namen JHWH verbinden sich also Barmherzigkeit, Gnade, Geduld, Treue, Vergebungsbereitschaft, Objektivität, Unnachsichtigkeit gegenüber Verharren in der Sünde, ehrfurchtgebietende Wunder- und Gerichtstaten inmitten der Völker. Um die Offenbarung dieses Wesens geht es, wenn davon die Rede ist, Menschen den Namen JHWH zu erkennen zu geben. Dies geschieht nicht durch die Übermittlung einer Buchstabenfolge, sondern durch konkrete Taten und Erlebnisse mit Gott persönlich!


Gottesnamen und "Quellenscheidung"

 

Ein ganz wesentliches Argument für die Zerstückelung verschiedener Bibeltexte war, dass darin für Gott gleichzeitig verschiedene Namen gebraucht wurden. Da man davon ausging, ein und derselbe Verfasser könne Gott jeweils nur mit einem Namen bezeichnen, schloss man, hier müssten verschiedene "Quellen" und Gottesvorstellungen durch einen "Redaktor" in eins verschmolzen sein worden. Doch es ist das ganze Alte und Neue Testament hindurch bis hin zu unserem modernen Sprachgebrauch üblich, dass ein und derselbe Verfasser je nach Textzusammenhang verschiedene Gottesnamen gebraucht:

Aus der Sicht der vergleichenden Religionsforschung erscheint es zweifelhaft, dass irgendein heidnisches Nachbarvolk Israels je einen obersten Gott mit nur einem Namen betitelte. In Babylonien erhielten die sumerischen Entsprechungen akkadische Alternativ-Namen: Bel war auch Enlil und Nunamnir ... Anum war Ilum, Sin war Nanna, Ea war Enki, Utu war Schamasch und Ischtar war Inanna oder Telitum ... In Griechenland war der König-Gott Zeus als Kronion und Olympios bekannt, Athene auch als Pallas, Apollo als Phoebus und Pythius-Titel, die in den Homerischen Epen parallel nebeneinander erscheinen, ohne irgendeiner Theorie diverser Quellen zu bedürfen.  
Natürlich waren zur Zeit Astrucs und Eichhorns diese Tatsachen aus der Ägyptologie und der semitischen Forschung so gut wie unbekannt; ansonsten wäre eine Quellenscheidungstheorie, die sich auf die Gottesnamen stützte, nie entstanden.
(aeat 150)

Hebräisch Jahwe, Herr, ist im Gegensatz zu "älohim nicht eine Sachbezeichnung, sondern ein Eigenname. Und im biblischen Zusammenhang bedeutet die Mitteilung eines Namens die Preisgabe und Offenbarung der eigenen Person.

Der Ausdruck "dass ihr"s erfahren sollt, dass ich Jahwe bin" kommt im Alten Testament mindestens sechsundzwanzigmal vor und verdeutlicht jedesmal den gleichen Gedanken. Der hebräische Brauch vermittelt daher unmißverständlich, dass Exodus 6:2-3:

Ich bin Jahwe. Und ich bin Abraham, Isaak und Jakob erschienen als El Schaddai; aber mit meinem Namen Jahwe habe ich mich ihnen nicht kundgetan ... 
lehrt, Gott, der sich früheren Generationen als El Schaddaj (Gott der Allmächtige) durch mächtige Taten und Gnade offenbart hatte, wolle sich nun Moses Generation durch seine wundersame Errettung des gesamten Volkes Israel als bundestreuer Jahwe selbst offenbaren. Wie Orr gezeigt hat, verdeutlicht "Name" (hebräisch: schem) den Offenbarungsaspekt des göttlichen Wesens ...
Sowohl aus Exodus 6:7: "Ihr sollt erfahren, dass ich der HERR (Jahwe) bin, euer Gott, der euch wegführt von den Lasten, die euch die Ägypter auferlegen", und aus 14:4 "Die Ägypter sollen innewerden, dass ich Jahwe bin", geht offensichtlich hervor, dass sie Zeugen der Bundestreue Gottes in der Erlösung seines Volkes und der Vernichtung oder Bestrafung seiner Feinde sein würden. Somit würden sie ihn als Jahwe, den Gott des Bundes, erleben und erkennen.
(aeat 154-155)

Das Rätsel des Namens Gottes

Es wäre ein Versäumnis, sich mit dem Namen JHWH und seiner Bedeutung zu befassen, und dabei ein weitere Bibelstelle nicht zu betrachten, die eine für das Alte Testament außerordentliche Aussage macht. Eingeleitet wird sie durch die Worte eines Mannes, der von sich selber sagt:

Bemüht habe ich mich um Gott, bemüht habe ich mich um Gott und bin vergangen. Denn ich bin zu dumm für einen Mann, und Menschenverstand habe ich nicht. Und Weisheit habe ich nicht gelernt, dass ich Erkenntnis (hebr. jada^) des Heiligen kennen (hebr. jada^) könnte. (Sprüche 30:1-3)

Man könnte meinen, dieser Mann sei außerordentlich dumm gewesen. Doch das dürfte auszuschließen sein, weil seine Worte in die Sammlung der Weisheitssprüche Salomos aufgenommen wurden. Wahrscheinlich sind sie eher so zu verstehen, dass er sich zwar von Herzen bemüht hat, Gott zu erkennen, aber feststellen musste, dass dessen Wesen schier unergründlich ist. Wahre Erkenntnis führt zu Bescheidenheit, verbunden mit der Einsicht, wie wenig man noch erkannt hat (1.Korinther 8:2). Dieser Mann nun offenbart im nächsten Satz eine verblüffende Erkenntnis, die er in Form eines Rätsels weitergibt:

Wer ist hinaufgestiegen zum Himmel und herabgefahren? Wer hat den Wind in seine Fäuste gesammelt? Wer hat die Wasser in ein Tuch eingebunden? Wer hat aufgerichtet alle Enden der Erde? Was ist sein Name und was der Name seines Sohnes, wenn du es weißt (hebr. jada^)? (Sprüche 30:4)

Kein Zweifel, hier ist von Gott die Rede, denn nur er hat "die Enden der Erde aufgerichtet". Aber die Frage: "Was ist sein Name?" zielt offensichtlich nicht darauf ab, den JHWH-Namen zu buchstabieren, sondern über sein tiefstes Wesen nachzudenken: Wie ist es möglich, dass JHWH vom Himmel herabsteigt und zu ihm auffährt? Das geschah ja schon im Alten Testament, zum Beispiel bei der Gesetzgebung am Berg Sinai. Es muss also ein Gott sein, der sich erniedrigt, herabkommt in die Niederungen menschlichen Lebens. Und zugleich ein Gott, der sich wieder aus diesen Niederungen erhebt, "in den Himmel auffährt". Wie ist das möglich? Offensichtlich muss es damit zusammenhängen, dass er einen Sohn hat!

"Wissen" und "Erkennen" im Neuen Testament

Auch Jesus betont, dass es ein riesiger Unterschied ist, den Jahweh-Namen Gottes, im Neuen Testament übersetzt mit "HERR", zu wissen, oder aber Gott selber als Herrn zu kennen:

Nicht jeder, der zu mir sagt: HERR, HERR! wird in das Reich der Himmel hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist.     
Viele werden an jenem Tage zu mir sagen: HERR, HERR! Haben wir nicht durch deinen Namen geweissagt und durch deinen Namen Dämonen ausgetrieben und durch deinen Namen viele Wunderwerke getan? 
Und dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch niemals gekannt. Weicht von mir, ihr Übeltäter! (Matthäus 7:21-23)

Hier geht es um Menschen, die Gott seinem Namen nach kennen und ihn sogar als "HERRN" anrufen. Es fällt auf, dass es in diesem Fall auch umgekehrt Gott betont, diese Menschen nie "gekannt" zu haben. Somit ist offensichtlich, dass es mit "erkennen" nicht um die rein sachliche Kenntnis ihrer Existenz geht, oder dass Gott sie nicht dem Namen nach gekannt hätte! Nein, Gott ist allwissend, kein Geschöpf ist ihm namentlich unbekannt.

Vielmehr meint Gott, dass sie ihn zwar mit dem Munde bekannten, ihm aber nie wirklich Zugang zu ihrem Herzen gewährt hatten. Ein "Erkennen", wie es die Bibel meint, eine ungehinderte, tiefe, persönliche Gemeinschaft war ihm mit ihnen nie möglich gewesen.

Eine weitere Stelle im Neuen Testament behandelt das Thema der Offenbarung des Namens Gottes sehr ausführlich. Auch hier geht es nicht darum, den Menschen eine neue Buchstabenfolge als Namen Gottes zu übermitteln, sondern sie in nie dagewesener Tiefe mit dem Wesen Gottes, mit seiner Liebe und Vaterschaft, in Berührung zu bringen. Jesus sagt:

Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Dein waren sie, und mir hast du sie gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.  
Und ich bin nicht mehr in der Welt, und diese sind in der Welt, und ich komme zu dir. Heiliger Vater! Bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, dass sie eins seien wie wir!   
Als ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast; und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ist verloren als nur der Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde.25 Gerechter Vater! - Und die Welt hat dich nicht erkannt; ich aber habe dich erkannt, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast.   
Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, womit du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen. Johannes 17:6,11-12,26


Die Aussprache des Namens J-H-W-H

 

Die Aussprache des Gottesnamens als "Jehova" ist auf ein Missverständnis zurückzuführen und wurde durch christliche Theologen Ende des 15.Jahrhunderts aufgebracht. Kein Jude hat diesen Namen jemals so ausgesprochen:

Die alten hebräischen Bibeltexte waren "unpunktiert", das heißt sie hatten nur Mitlaute. Für "geben" standen folglich nur die Mitlaute "g-b-n" - um ein deutsches Beispiel zu nehmen. Um das Lesen und Verstehen der Texte in der späteren Zeit zu erleichtern, wurden die Selbstlaute in Form von Punkten und Strichen unter die Mitlaute geschrieben.     
Da man aber den Gottesnamen Jahwe nie aussprach, setzte man unter seine Mitlaute J-H-W-H die Selbstlaute für das Wort Adonai (=Herr). Das A am Anfang wurde zu einem E verdünnt. Das I am Schluss fiel fort. Aus dieser Form las man dann im Mittelalter Jehova. (wedg S.115)

Der Beweis für diese Darlegungen findet sich in Bibelstellen, bei denen der Name J-H-W-H (6828 Mal im AT) unmittelbar zusammen mit "aDoNaJ vorkommt (304 Mal). Hier gerieten die Masoreten, die den Text mit Vokalzeichen versahen, nämlich in Verlegenheit, weil sie nicht zweimal hintereinander denselben Namen Adonaj verwenden wollten (nur in drei Fällen vokalisierten sie wie sonst: Nehemia 10:30; Psalm 8:2,10). Sie behalfen sich, indem sie durch die Hinzufügung der Vokale ä-o-i andeuteten, dass man statt JHWH ä L o H i M, also "Gott", lesen sollte. Diese Ausführliche Punktation wurde in vielen Fällen verkürzt zu e-o-i oder ä-i oder e-i. Dementsprechend findet man folgende Vokalisationen im Alten Testament:

"aDoNaJ  JeHWiH (268 Mal: Deuteronomium 3:24; 9:26, Josua 7:7; Richter 6:22; 2.Samuel 7;18,19,20,22,28,29; 1.Könige 8:53; Psalm 69:7; 71:5,16; Jesaja 3:15; 7:7; Jeremia 2:19,22; 4:10,13; 32:17,25 u.v.a. Hesekiel 4:14; 5:7,8,11; 6:3 u.v.a.; Amos 1:8; 3:7,8,11,13; 4:2,5; 5:3; 6:8; 7:1,2,4,5,6; 8:1,3.9,11; 9:5,8; Obadja 1:1; Micha 1:2; Zephanja 1:7.)

"aDoNaJ  JeHoWiH (31 Mal: 1.Könige 2:26; Psalm 73:28; 140:8; Jesaja 50:4; Jeremia 1:6; 7:20, Hesekiel 2:4, 3:11, 27, 5:5, 8:1, 12:10, 13:16, 14:21, 23, 16:36, 17:9, 20:39, 21:33, 22:31, 23:32, 24:6, 14, 26:21, 28:2, 30:22, 33:25, 39:17, 43:27, 46:16; Sacharja 9:14)

"aDoNaJ  JäHWiH (nur in Genesis 15:2,8)  "aDoNaJ  JäHoWiH (nur in Richter 16:28)  JeHWiH  aDoNaJ (3 Mal: Psalm 109:21; 141:8; Habakuk 3:19)

Nebenbei bemerkt: Die dem Namen Jehova zugrunde liegende Vokalisation mit e-o-a findet sich nur in wenigen Fällen, meist wird einfach Jehwah vokalisiert:

JeHWaH  (5683 Mal)

JeHoWaH  (44 Mal: Genesis 3:14; 9:26, Exodus 3:2; 13:3,9,15; 14:1,8; Leviticus 25:17; Deuteronomium 31:27; 32:9; 33:12,13; 1.Könige 3:5; 16:33, Psalm 15:1; 40:5; 47:6; 100:5; 116:5,6; Sprüche 1:29; Jeremia 2:37; 3:1,13,21,22,25; 4:3,8; 5:2,3,9,15,18,19,22,29; 6:9; 8:13; 30:10; 36:8; Hesekiel 44:5; Nahum 1:3)

Damit ist klar, dass die Aussprache des für die Juden "unausprechlichen" Namens weder "Jehova" noch "Jehwi" noch "Jehwi" noch "Jehowi" lauten dürfte. Wie er tatsächlich ausgesprochen wurde, ist scheinbar nicht mehr sicher herauszufinden. Doch nicht die richtige Aussprache des Namens J-H-W-H ist ausschlaggebend, sondern die richtige Herzenshaltung: Gott zu lieben und ihn aus keinem Bereich des Lebens auszugrenzen. Den Namen des HERRN kann man nur IM GLAUBEN richtig an- und ausrufen!


Stammt die Bibel aus Babel?

(Großteils aus: P.J.Wiseman "Die Entstehung der Genesis")

 

Der Beginn des Streites

"Im Irak haben die Ausgrabungsarbeiten eine Reihe Täfelchen zutage gefördert, auf denen man Berichte über die Schöpfung und die Flut fand. Ihre Entdeckung erregte allgemein großes Aufsehen. Als man die Texte mit der Bibel verglich, entstand unter den Forschern ein Streit, der unter dem Stichwort "Bibel und Babel" bekannt wurde. In ihm ging es um die Frage, welche der beiden Darstellungen von der anderen abhängig sei.

Die aufgefundenen Berichte unterscheiden sich ganz erheblich von den Darstellungen der Genesis. Sie stehen in demselben Verhältnis zueinander, wie sich eine Lehmhütte zu einem Palast verhält: In beiden kann man leben; beide haben Türen und Fenster; und doch sind sie völlig verschieden voneinander. Ebenso verschieden sind die biblischen und babylonischen Berichte über Schöpfung und Flut. Natürlich bestehen auch Ähnlichkeiten, und um sie zu erklären, sind zwei sich widersprechende Hypothesen entwickelt worden:

1. Die Täfelchentexte aus Babylonien sind vergröberte Nachahmungen der biblischen Berichte.

2. Die biblischen Berichte stammen von den babylonischen Darstellungen ab. Die Schreiber der Bibel haben diese nur vorher von allen phantastischen Verzerrungen des Polytheismus gereinigt.

Wie nicht anders zu erwarten, schlossen sich die konservativen Forscher genauso selbstverständlich der ersten Erklärung an wie die Vertreter der kritischen Schule der zweiten. Über den wichtigsten Punkt waren sich alle einig: Die biblischen Berichte stehen unvergleichlich höher als die babylonischen. Darüber gab es keinen Zweifel. Sie sind sachlich und einfach und in ihrer Gottesanschauung völlig sauber. Die babylonischen Darstellungen dagegen sind phantastisch, sensationell und von einem rohen Polytheismus durchsetzt." (wedg 131)

"Man könnte den Unterschied zwischen den beiden mit dem klaren Wasser der Themse an ihrer Quelle mit dem Schmutzwasser der Londoner Docks vergleichen; an beiden Stellen ist es das Wasser desselben Flusses. Genauso ist es hier. In der Genesis finden wir noch die reine Quelle; die Texte der babylonischen Täfelchen dagegen sind durch das schmutzige Wasser des Polytheismus gezogen worden und tragen folglich auch seine Spuren." (wedg)

Die Datierung des biblischen Textes

Die Stammbäume, die dem ersten Buch Mose zugrundeliegen, ja, dessen Grundgerüst bilden, reichen bis zu Adam, also ungefähr 3.900-5.400 Jahre vor Christus zurück. Der Schöpfungsbericht könnte sogar von Adam selber stammen, denn er war es ja, den Gott mit dem "Erkenntnisgeist des Lebens" begabt hatte, so dass er zum Beispiel fähig war, alle Lebewesen mit dem zutreffenden Namen zu benennen (Genesis 2:7,19). Von daher wäre es kein Wunder, wenn er auch über den Verlauf der Entwicklung des Lebens informiert gewesen wäre.

Zumindest ist der "Stammbaum der Himmel und der Erde" (Genesis 2:4) eingebettet in den "Stammbaum Adams" (Genesis 2:4-5:32) der bis einschließlich Noah reicht, zeitlich gesehen also bis ungefähr 2300 bis 3200 Jahre vor Christus. Von daher ist zu erwarten, dass das erste Kapitel der Genesis aus der Zeit mindestens 2.300, eher 5.400 Jahre vor Christus stammt.


Original und Variationen

Die Stammbaumverzeichnisse von Genesis 1 bis 5 waren sicherlich ein heiliger Familienbesitz der Adamiten, der von Generation zu Generation möglichst originalgetreu weitergegeben wurde, sei es in schriftlicher oder mündlicher Form. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Menschen des Altertums ein phänomenales Gedächtnis besaßen, so dass auch eine mündliche Überlieferung von extremer Genauigkeit sein konnte. Sicher waren diese Familien-Stammbäume auch im Besitz von Abraham. Es ist nun sehr bemerkenswert, dass er und sein Vater ungefähr 2000 vor Christus ausgerechnet in der Stadt Ur lebten - die gleich wie Babel eine Stadt "der Chaldäer" genannt wurde (Genesis 11:31; Jesaja 13:19)!

Bereits zu Zeiten Abrahams, wenn nicht sogar schon früher, muss der biblische Bericht mit der chaldäischen und damit akkadischen Kultur in Berührung gekommen sein, die später in die babylonische einmündete. Außerdem ist zu bedenken, dass die Adamiten nicht nur von Adams Erkenntnis profitierten, sondern auch durch ihr extremes Lebensalter für ihre Zeitgenossen außergewöhnliche Autoritäten dargestellt haben dürften. Es wäre von daher nicht verwunderlich, wenn die Chaldäer die biblischen Lehren über die Schöpfung übernommen hätten, wenn sie auch im Laufe der Zeit mehr oder weniger der chaldäischen Religion angepasst und so entstellt wurden. Das erklärt problemlos die vielen Parallelen zwischen dem biblischen Schöpfungsbericht und dem babylonischen Schöpfungsmythos "Enuma Elisch". Lange nach dem ersten Kontakt mit der chaldäischen Kultur begegneten sich dann der israelitische, sauber überlieferte Originaltext und seine abgewandelte, babylonische Version, in der Zeit der Gefangenschaft der Israeliten in Babel.

Irrtum der historisch-kritischen Theologie

"Warum aber übernahmen die Vertreter der Kritik so geschlossen die Meinung, dass die Genesisberichte über Schöpfung und Flut gereinigte Nachschriften der babylonischen Texte seinen? Die Antwort darauf ist nicht schwer zu finden: Man ging von der Voraussetzung aus, dass die Genesis zu einer viel späteren Zeit geschrieben ist als die babylonischen Täfelchen, woraus sich ergab, dass die biblischen Darstellungen später als die Babylonischen entstanden und infolgedessen auch von jenen abgeschrieben worden sind.

Dass sie reiner waren und ohne die phantastischen Verzerrungen, entsprach außerdem der allgemeinen Ansicht, nach der sich die Religionen erst langsam vom Polytheismus zum Monotheismeus hin entwickelt hat (Evolutionstheorie). Danach hat es am Anfang der Geschichte nur ganz niedrige polytheistische, animistische Vorstellungen gegeben, die sich erst mit der Zeit geläutert und verfeinert haben.

Gemeinsam ist beiden Darstellungen eigentlich nur das allgemeine Thema. Die Einzelheiten der babylonischen Berichte sind in einer solchen Unmenge mythologischer Vorstellungen eingebettet, dass sie fast unkenntlich geworden sind. Ganze Herden grölender und eifersüchtiger Götter werden in ihnen beschrieben und groteske Anschauungen über Natur und Welt vertreten." (wedg 132)

"Die folgenden Zeilen stammen aus dem vierten Täfelchen des babylonischen Schöpfungsberichts. Es sind die Zeilen, die am deutlichsten auf die Schöpfung selbst eingehen. Sie sagen besser als alle Erklärungen, wie wenig Wahrscheinlichkeit die zweite Hypothese für sich hat:

Den Klumpen des Rumpfes betrachtete er lange,     
er wog, wie er weise ihn teilen könnte,    
in zwei gleiche Hälften teilte er ihn:  
Zum Himmelsdach macht er die eine Hälfte,
zur Erde die andere.

Von Sternen zog er die weite Schranke,  
vor Ungemach die Erde zu hüten.
Er schritt über den Himmel und sah seine Werke.   
Er trat vor das Meer hin, das Ea bewohnt.

Marduk maß ab des Ozeans Grenzen,     
er maß Escharra, das feste Land.
Da er herrlich und breit seinen Himmel gebauet,     
schuf er dort Stätten für Ennil, Ea und Anu.
(Aus Francis Jordan: "In den Tagen des Tamuz", Seite 117)" (wedg 133)

Der Sintflutbericht

"Im Flutbericht kommen die babylonischen Täfelchen der biblischen Darstellung etwas näher:

1. Die Flut ist eine Strafe für die Sünden.

2. In beiden Berichten wird der Auftrag erteilt, ein Schiff zu bauen, um das Leben zu retten.

3. Nach beiden Berichten wird Erdharz (Bitumen) verwendet, um das Schiff wasserdicht zu machen.

4. Die Erwähnung der Taube.

5. In beiden Berichten setzt das Schiff nach der Flut auf einen Berg auf.

6. Nach beiden Berichten werden nach der Flut Opfer dargebracht.

Der Rahmen der babylonischen Erzählungen stimmt also in seinen Hauptzügen mit dem Flutbericht der Genesis überein. Aber polytheistisch durchsetzt und phantastisch vergröbert ist auch er. Die "Götter verkriechen sich ängstlich wie Hunde, sie fliehen in Schwärmen wie Fliegen" usw. Nur wenige Sätze erinnern an die Genesis. Jede Einzelheit ist vom Polytheismus verzerrt." (wedg 133)


Biblische "Quellenscheidung"

(Großteils aus: P.J.Wiseman "Die Entstehung der Genesis")

 

Mose als Redaktor?

Die Ereignisse ab dem Buche Exodus hat Mose selber miterlebt. Folglich ist es kein Problem, ihn als Verfasser der Bücher Exodus bis Deuteronomium zu akzeptieren. Das ganze Buch Genesis liegt jedoch vor seiner Zeit. Da keine einzige Bibelstelle behauptet, Gott hätte dem Mose dieses Buch in einem Stück diktiert, ist es keine fernliegende Überlegung, Fragen nach der Herkunft des Inhaltes der Genesis zu stellen:

 

"Obgleich Christus und die Apostel die Genesis oft zitieren, sagen sie nie, dass Mose sie geschrieben hätte. Sobald sich das Neue Testament aber auf Texte aus den Büchern Exodus bis Deuteronomium bezieht, heißt es immer wieder: "Mose sagt ..." (wedg 85)

 

"Es gibt keine Stelle in der ganzen Bibel, die davon spricht, dass Mose die Berichte oder Geschlechtsregister der Genesis niedergeschrieben habe. Und nicht ein einziges Mal lesen wir in der Genesis die in den Büchern Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium so oft vorkommende Einleitungsformel: "Der Herr sprach zu Mose" oder: "Gott sprach zu Mose und sagte ..."

 

Diese Beobachtung ist außerordentlich interessant. Die Pentateuchkritik hat immer wieder betont, dass man bei der Frage nach dem Autor des Textes diese Sätze ruhig unberücksichtigt lassen könne. Die späteren Schreiber oder Herausgeber der Bücher hätten sie darum so häufig verwendet, weil sie glaubhaft machen wollten, dass der von ihnen verfasste Text durch Mose, der eine große Autorität im Volk besaß, direkt von Gott gekommen sei. Wenn dies der Fall wäre, wie wollte man dann erklären, dass in der Genesis nicht die geringsten Anspielungen auf Mose zu erkennen sind? Und gerade die Genesis wurde doch der Autorität Mose unterstellt!

 

Daraus wird schon deutlich, dass der in der Genesis fehlende Hinweis auf Mose die Existenz des sogenannten Redaktors und der verschiedenen Herausgeber recht fragwürdig werden lässt. Umgekehrt heißt es aber, dass die in den anderen Pentateuchbüchern verwendeten Einleitungsformeln: "Gott sprach zu Mose und sagte ..." echt sind und mit zum ursprünglichen Text gehören." (wedg 84)

 

Sicher, vom Standpunkt des Bibelgläubigen genügt die Feststellung, dass die Genesis, als Teil des Gesetzes (der Torah) durch Mose gegeben wurde (Johannes 7:19). Aber es wäre absolut kein Widerspruch zu dieser Aussage, dass Mose Berichte, die ihm überliefert wurden, als Redaktor zusammenstellte, ähnlich, wie auch Lukas das nach ihm benannte Lukas-Evangelium verfasste:

Da es nun schon viele unternommen haben, einen Bericht von den Ereignissen zu verfassen, die sich unter uns zugetragen haben, wie sie uns die überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind, hat es auch mir gut geschienen, der ich allem von Anfang an genau gefolgt bin, es dir, hochedler Theophilus, der Reihe nach zu schreiben, damit du die Zuverlässigkeit der Dinge erkennst, in denen du unterrichtet worden bist. Lukas 1:1-4

Alters-Hinweise im Bibeltext

"Jeder Abschnitt der Genesis enhält Anzeichen dafür, dass Mose das Buch in der uns bekannten Form anhand von Aufzeichnungen zusammengestellt hat, die ihm aus alter Zeit überkommen sind. Man kann dafür auf folgende Beobachtungen hinweisen:

1. In den ersten 11 Kapiteln der Genesis finden sich babylonische Wörter.

2. In den letzten 14 Kapiteln der Genesis finden sich ägyptische Wörter." (wedg 63)

 

"Es ist nicht zufällig, dass die Kritik oft betont hat, der Heimatboden für die Entstehung der ersten Kapitel der Genesis sei mit allergrößter Wahrscheinlichkeit in Babylonien zu suchen. Gegen diese Annahme ist nichts einzuwenden, zumal die Texte selbst den Anspruch erheben, aus jenem Land zu kommen. Sie unterstreicht nur noch die Annahme, dass die Angaben schon in sehr früher Zeit schriftlich fixiert worden sind. Wo sollen die babylonischen Wörter auch sonst hergekommen sein, von denen doch sonst im ganzen Pentateuch nichts festzustellen ist?

Dass sie während der Exilszeit in Babylonien gerade in diese Kapitel eingeflossen seien - warum nicht auch in die anderen? -, dürfte kaum anzunehmen sein, wo doch selbst die theologisch-kritischen Theorien für die Entstehung dieser Kapitel eine viel frühere Zeit angeben.

Sobald der Bericht in der Genesis den Punkt erreicht, wo Joseph nach Ägypten kommt, ändert sich das Bild völlig. Beständig treffen wir jetzt auf ägyptische Ausdrücke und Namen wie "Potiphar, der Hauptmann der Leibwache" (37:36); "Zaphenath-Paneah" (das heißt der das Leben Ernährende) und "Asnath" (41:45) ... Vom einfachen Landleben der Patriarchen in Palästina fühlt man sich plötzlich in die heiße Luft der Sitten und Gebräuche des ägyptischen Hofes versetzt." (63,64)

"Auf unseren Täfelchen finden wir auch ganz primitive geographische Ausdrücke, wie sie zur Zeit Abrahams üblich waren; zum Beispiel "Südland" (Genesis 20:1 und 24:62) oder das "Ostland" (Genesis 35:6). Diese alten Namen für die Gebiete im Süden und Osten Palästinas werden später nie mehr gebraucht. Nach der Zeit der Genesis gibt es dafür ganz klare und bestimmte Namen. Soche Bezeichnungen sind mit ein Beweis für das Alter des Textes. Kein Schreiber nach Mose hätte sich dieser archaischen Ausdrücke bedient.

Auf die gleiche Tatsache weist die Existenz der kleinen "Stadtstaaten" und vielen Sippen hin, die beide charakteristisch sind für eine frühe Entwicklungsstufe der Zivilisation. Zu Salomos Zeit waren sie völlig verschwunden, und schon seit Abraham gab es in Babylonien und Ägypten mächtige Monarchien, die von ihren Hauptstädten aus über große Gebiete herrschten." (wedg 68)

"Im ganzen zeigen die Schreiber ein so intimes Vertrautsein mit den Einzelheiten, dass man vernünftigerweise gar nichts anderes sagen kann, als dass hier wirklich "Mitbeteiligte" berichten. Dafür nur ein Beispiel:

Das Vorgehen Saras und Abrahams mit ihrer Magd Hagar bei der Geburt Ismaels erfolgte nach Gesetzen, die in dem damals landesüblichen Recht genau bezeichnet waren. Das beweisen die Gesetze Nr. 144-146 aus dem Kodex Hammurabi. Für die nachmosaische Zeit galten ganz andere Ordnungen, wie das Deuteronomium beweist." (wedg 67)

Genesis-interne Hinweise auf "Quellen"

"Wenn man sich also auf den Weg macht, Überlegungen über die Herkunft von Moses Wissen zu machen, ist es wichtig, die Gegebenheiten der Zeit zu berücksichtigen, in der der Text verfasst wurde. Es ist ja gerade die Hauptforderung der historisch-kritischen Theologie, die Texte im Lichte ihrer Zeit und vergleichbarer Literatur zu sehen! Nur ist man leider im Falle der Genesis dieser Forderung ganz und gar nicht nachgekommen. Denn sonst hätte man zugeben müssen, dass die Schreibkunst schon lange vor Mose bestand, so dass Mose durchaus auf geschriebene Berichte zurückgreifen konnte:

In Verbindung mit diesen Schreibgewohnheiten ist noch ein wichtiger Punkt zu beachten. In Genesis 5:1, wo unser Satz zum zweiten Mal vorkommt, lesen wir: "Dies ist das Buch von des Menschen Geschlecht" (Luther). Das hier mit "Buch" übersetzte Wort "Sepher" bedeutet "geschriebene Erzählung", oder, wie Delitzsch übersetzt: "Geschriebenes". ... Die "Bücher" jener Zeit waren die Täfelchen. Das Wort hier bedeutet einfach Schriftstück, schriftliche Aufzeichnung (vergleiche Gesenius, Wörterbuch, Seite 551).

Die alten Berichte der Genesis erheben also den Anspruch, schon in sehr früher Zeit schriftlich abgefasst worden zu sein, und sind nicht, wie man weithin dachte, von Mund zu Mund auf Mose gekommen. Natürlich wissen wir nicht, wer das Täfelchen mit dem Schöpfungsbericht niederschrieb; jedoch in einem Punkt besteht gar kein Zweifel: Schon weit vor Abrahams Zeiten ist alles, was nur erwähnenswert war, auf Tontäfelchen schriftlich festgehalten worden." (wedg 56)

Stammbäume als Grundgerüst

"Der Schlüssel, der den literarischen Aufbau der Genesis sichtbar werden lässt, liegt im rechten Verständnis des Satzes: "Dies ist das Geschlecht von ..." (Luther). Bei richtiger Anwendung wird er alle literarischen Probleme der Genesis lösen.

Alle Forscher scheinen sich darin einig zu sein, dass dieser Satz für die Einleitungsfragen der Genesis außerordentlich wichtig ist. Dr.Driver sagt z.B. ("Genesis", Seite 2): Die Erzählung der Genesis ist nach einem Leitfaden aufgebaut, der in den immer wiederkehrenden Formulierungen: "Dies ist das Geschlecht von ..." zu erkennen ist.
Professor Ryle meint, dass "dieser Satz die verschiedenen Stadien im Lauf der Erzählung markiert". Ausleger aller Richtungen wie Spurrell, Lenormant, Skinner, Carpenter, Harford-Battersby, Bullinger, Lange, Keil, Wright u.a. teilen das Buch in Abschnitte auf, die jeweils mit diesem Satz beginnen.

Elfmal ist diese Formel in der Genesis zu finden. Wie wichtig sie ist, zeigt auch die Übersetzung der Septuaginta, die dem ganzen Buch den Namen "Genesis" gab, das dem hebräischen Wort für "Geschlecht" entspricht." (wedg 49)

"Auf diese Weise gab Mose unmissverständlich die Quellen der im verfügbaren Informationen an und nannte die Personen, von denen ihm der Inhalt seiner Text überliefert wurde ...  
An keiner Stelle wird etwas berichtet, was die genannten Personen nicht aus ihrer eigenen Kenntnis der Dinge oder aus ganz nahen Quellen hätten selbst schreiben können.  
Es ist überaus bezeichnend, dass die einzelnen Textabschnitte der Genesis alle vor Eintritt des Todes der jeweils genannten Person zu Ende gehen. In den meisten Fällen umfasst der Bericht die Lebenszeit des Genannten bis zu seinem Ende oder bis zu dem Datum, an dem die Niederschrift gemacht worden zu sein scheint." (wedg 58)

"Man hat auch nicht berücksichtigt, dass es gerade für diese Zeit charakteristisch war, Geschlechtsregister, also Familienstammbäume, sehr gewissenhaft und ausführlich zu überliefern und diese mit historischen Begleitereignissen zu verweben:

Es scheint so, dass zu den wichtigsten Aufzeichnungen in altbabylonischer Zeit Mitteilungen über die Vorfahren gehörten. Meist finden sich solche Ahnentafeln als Einleitungen vor irgendwelchen wichtigen Niederschriften. Die Anfänge des Buches Exodus und Chronikbücher sind dafür ein eindrückliches Beispiel." (wedg 54)

Wenn man also schon Spekulationen über die Herkunft von Moses Wissen anstellt, warum in die Ferne schweifen, wenn doch die Lösung so nahe liegt und der Text immer wieder auffällige Markierungen setzt, nämlich durch die unterteilenden Erklärungen "dies ist der Stammbaum von" ...? So schließt Genesis 1-4 in Genesis 5 mit dem "Buch des Stammbaumes Adams":

Dies ist das Buch der Geschlechterfolge Adams. (Gen 5:1)

Was hindert uns daran, anzunehmen, dass tatsächlich Adam oder unmittelbare Nachfahren von ihm den Familienstammbaum seiner Familie schriftlich festhielten und überlieferten? Es wäre, im Gegenteil, fast verwunderlich, wenn sie es nicht getan hätten, wo die Adamiten sich doch von der umliegenden Bevölkerung allein schon durch ihr hohes Alter unterschieden, also etwas ganz Besonderes waren.

Dazu kommt noch, dass gleich zu Beginn ihrer Familiengeschichte die gewaltige Verheißung gemacht wurde, dass einer ihrer Nachfahren eines Tages Satan besiegen würde (Genesis 3:15). Wäre es nicht vielmehr äußerst naheliegend, diese Linie weiterzuverfolgen? Das Neue Testament jedenfalls tut es und verfolgt mit seinen ersten Worten (!) sogleich die Herkunft Jesu bis zu Adam zurück (Matthäus 1:1ff)!

 

·         Es folgen die Geschlechtsregister Noahs und seiner Söhne, Sem, Ham und Japhet, die den Sintflutbericht (Genesis 6) mit einschließen und mit Genesis 10:32 enden:

Das sind die Sippen der Söhne Noahs nach ihrer Geschlechterfolge, in ihren Nationen; und von diesen aus haben sich nach der Flut die Nationen auf der Erde verzweigt. (Genesis 10:32)

·         Es folgt dann noch ein ausführliches Geschlechtsregister von Sem, das die Ereignisse um Babel beschreibt und bis zu Abraham reicht (Genesis 11).

·         Es folgt nun die ausführliche Beschreibung der Leben von Abraham, Isaak und Jakob (Genesis 12-36), auch wieder versehen mit den Stammbäumen von zum Beispiel Ismael (Genesis 25:12), Isaak (Genesis 25:19), Esau (Genesis 36).

"Abraham war also ein Fürst, eine für die damalige Zeit sehr hochgestellte Herrschergestalt. Von Isaak und Jakob hören wir das gleiche. Wir dürfen uns diese Männer keineswegs als zurückgezogene Einzelgänger vorstellen. Von daher muss man ihnen unter allen Umständen die Fähigkeit zuerkennen, dass sie entweder selbst schreiben konnten, oder - was noch wahrscheinlicher ist - Schreiber angestellt hatten, die die für ihre zukünftige Familiengeschichte so unendlich wichtigen und einzigartigen Verheißungen Gottes für sie niederschrieben. Es wäre wirklich nicht zu verstehen, wenn sie es nicht getan hätten, wo doch um sie her so viele unwichtige Dinge auf Tontäfelchen niedergeschrieben wurden." (wedg 82)

·         Genesis 37 bis 50: Der Bericht über Joseph, der bekanntlich nach Ägypten verschleppt wurde.

 

Es fällt auf, dass die jeweiligen Lebensberichte immer umfangreicher werden: Umfasst der relativ lange Stammbaum Adams einschließlich der Hintergrundberichte noch fünf Kapitel, wird das Leben Abrahams in dreizehn Kapiteln beschrieben, das Leben Mose wird dann in vier ganzen Büchern geschildert. Dies deckt sich mit dem, was vor dem Hintergrund der Entwicklung der Schreibtechnik zu erwarten ist: Wahrscheinlich wurde zu Adams Zeiten noch umständlich in Steintäfelchen gemeißelt, zu Abrahams Zeiten benützte man bereits die leichter zu beschaffenden und beschriftenden Tontäfelchen, und Mose konnte entweder Pergament oder Papyrus verwenden, das erlaubt, große Mengen Geschriebenes in handlichem Format zu archivieren.

Die Josephsgeschichten stammen zweifellos von Mose. Er war in aller Weisheit der Ägypter unterwiesen und kannte damit die gesamte ägyptische Literatur. Dass er schreiben konnte, bedarf keiner Frage. ... Der ganze Abschnitt enthält zahlreiche ägyptische Ausdrücke und zeigt eine genaue Kenntnis der Sitten und Gebräuche des Landes. ... Außerdem sind noch "Bemerkungen" und "Erklärungen" in den Text eingefügt worden mit der Absicht, ihn für "Fremde" verständlich zu machen. Wie wir in Kapitel 6 schon gesehen haben, können sich diese Ergänzungen nur auf Leser beziehen, die noch vor dem verheißenen Lande stehen. Schließlich wäre noch auf den Anfang des Buches Exodus hinzuweisen, das gerade dort fortfährt, wo die Genesis aufhört. (wedg 85)

Es ist auch bezeichnend, dass mit Ausnahme der Josephsgeschichte jedes Täfelchen mit einer kurzen Wiederholung der Ereignisse beginnt, die im vorhergehenden Abschnitt berichtet wurden. Wer mit den Schreibmethoden des Altertums vertraut ist, wird gar nichts anderes erwarten und kann darin nur einen Beweis für die Treue der Textüberlieferung sehen. (wedg 93)

Ergebnis

"Wie wir gesehen haben, ist die Genesis aus einer Täfelchenserie zusammengesetzt. Die einzelnen Täfelchenabschnitte ergeben auch den natürlichen Rahmen des Buches. Diese natürliche Einteilung der Genesis wirft auch ein neues Licht auf den verschiedenen Gebrauch der Gottesbezeichnungen.

Bei unserem Überblick über das erste Täfelchen, den Schöpfungsbericht, stellten wir fest, dass dort nur der Titel "Gott" vorkommt. Dieser Titel reichte auch im Anfang der Geschichte völlig aus, den wahren Gott zu bezeichnen. Andere "Götter" gab es noch nicht. Ein besonderer Name zur Kennzeichnung Gottes, des Schöpfers von Himmel und Erde, war damals noch nicht nötig.

 

Das zweite Täfelchen (Genesis 2:4b-4:26) wurde vor der Flut geschrieben und enthält den Titel "Gott" und den Namen "Jahwe"; und zwar stehen Titel und Name hier immer zusammen, ausgenommen in den Worten Evas und des Versuchers. Die gemeinsame Verwendung beider Bezeichnungen ist für dieses Täfelchen geradezu charakteristisch. Wir stehen hier in der Zeit der Enkel Adams, in den Tagen Henochs, wo man anfing, "den Namen Jahwes anzurufen". Hier wird der wahre Gott also schon mit einem besonderen Namen bezeichnet. Warum das? Das kann doch nur der aufkommende Polytheismus nötig gemacht haben. Es wurden immer mehr "Götter" verehrt, folglich musste der wahre Gott durch einen Namen angerufen werden, mit dem er sich von den anderen Göttern unterschied." (wedg 123)

 

"Die Pentateuchkritik entstand auf Grund des verschiedenen Gebrauchs der Gottesnamen in der Genesis. Heute zeigt sich, dass dieser Wechsel sich ganz anders erklärt, als die Kritik meint. Wenn man sich die Entstehungsgeschichte der Genesis im Lichte ihrer Umwelt ansieht, erscheint es sogar notwendig ... Diese Kapitel beschreiben gerade die Zeit, in der der Polytheismus wuchs und überhand nahm, ohne dass es schon eine feste Volksgemeinschaft gegeben hätte, in der der Name des wahren Gottes hätte rein erhalten werden können.

Bei näherem Zusehen ist übrigens zu erkennen, dass die Täfelchen, aus denen die Genesis besteht, an manchen Stellen mit den Einteilungen der Quellenscheidung übereinstimmen. Das ist nicht verwunderlich. Durch die Arbeit an der Genesis sind auch von der kritischen Forschung Beobachtungen gemacht worden, z.B. über Stil, Wortgebrauch, Textzusammenhang usw., die häufig richtig sind. Aber ihre Deutung der Beobachtung ist falsch, weil sie von falschen Voraussetzungen ausgeht." (wedg 123,124)


Meine Erfahrungen mit der Universitäts-Theologie

 

Ich möchte vorausschicken, dass es mir in diesem Kapitel nicht um die Argumente geht, die für oder gegen die bibelkritische Theologie sprechen. Diese finden sich, was den Schöpfungsbericht angeht, zur Genüge im vorderen Teil des Buches, und was die Theologie allgemein betrifft, haben die von mir ausführlich zitierten Aussagen von Insidern wie Prof. Eta Linnemann sicher mehr Gewicht. Nein, ich möchte im Folgenden schildern, welche Erfahrungen ich persönlich während der acht Semester machte, in denen ich an der Universität München als Theologiestudent eingeschrieben war, denn ich halte sie für typisch für die historisch-kritische Theologie.

Den "kindlichen Glauben" zerstören!

Mein erstes Erlebnis mit dem Universitätsbetrieb hatte ich bereits vor meiner Studentenzeit. Ich stand mit einigen anderen jungen Christen abends in München Schwabing an einem evangelistischen Büchertisch. Da tauchte ein Mann auf, der sich als Dozent an der Uni München vorstellte und voller Eifer darlegte, was er als seine Aufgabe dort sah: Als erstes müsse einmal der "kindliche Glaube" der Studenten zerstört werden, die an die Uni kommen, damit dann völlig neu ein "rationaler Glaube" aufgebaut werden könne. Ich war entsetzt, dass jemand so überzeugt sein konnte, dass die Zerstörung des "kindlichen Glaubens" das Fundament sein sollte, auf dem die Universitätstheologie dann aufbauen kann. Und ich sehe Jesus vor meinem geistigen Auge, wie er ein Kind in die Mitte seiner Schüler stellt und sagt:

Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr keinesfalls in das Reich der Himmel hineinkommen ...   
Wenn aber jemand einem dieser Kleinen, die an mich glauben, Anlass zur Sünde gibt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde.     
Wehe der Welt der Verführungen wegen! Denn es ist notwendig, dass Verführungen kommen. Doch wehe dem Menschen, durch den die Verführung kommt! Matthäus 18:3-7

Dieser Mensch war sich der Tragweite seiner Aussagen jedoch scheinbar gar nicht bewusst, auch nicht der Gefahr, in der er sich befand, sondern sprach im Brustton der Überzeugung, den Menschen etwas Gutes zu tun, wenn er ihren Glauben systematisch zerstörte. Durch diese Begegnung hat Gott mir bereits einen Vorgeschmack auf die Atmosphäre gegeben, die mich an der Universität erwarteten sollte.

Kritik - Kritik - Kritik ...

Tatsächlich wurde ich dort von Anfang an dem Versuch einer systematischen Hirnwäsche unterzogen. In den Einführungskursen wurden immer wieder ganze Salven auf die Glaubwürdigkeit der Bibel abgeschossen. In Wirklichkeit sind es eigentlich nur zehn bis zwanzig inzwischen altbekannte Argumente, die immer und immer wiederkehren, aber als Neuankömmling meint man, von einer Flut von "wissenschaftlichen Argumenten" überrollt zu werden. Zumeist sind es angebliche Widersprüche im Bibeltext selber, die teils genüsslich, teils triumphierend ausgebreitet werden, aber auch der Hase, der angeblich kein Wiederkäuer ist, darf als "Beweis" nicht fehlen. Frommes Gerede über den Bibeltext wird jederzeit toleriert, aber wehe, es kommt zur Wahrheitsfrage, dann wird kein gutes Haar an ihm gelassen!

Es war mir in jener Zeit eine große Hilfe, dass ich Unterstützung durch erfahrenere Christen und auch Bücher bekam, so dass es den Dozenten nicht gelang, meinen Glauben zu torpedieren. Doch ist mir die feindselige Einstellung gegen die Wahrhaftigkeit der Bibel noch in lebhafter Erinnerung. Während der acht Semester lernte ich etliche Vertreter dieser "modernen" Theologie kennen. Ihre persönliche Einstellung zum Glauben reichte von "fromm" bis zu praktischem Atheismus. Ich erwähne nur zwei Beispiele für die beiden Extreme:

Ein "frommer" Professor hielt eine Andacht für den Studentenkreis, in der er mit pathetischen Worten seine Ansichten zu Jesaja 40ff vortrug, wie ich sie bereits aus seiner Vorlesung kannte: Die darin enthaltenen Profetien seien natürlich gar keine, stammten auch nicht von Jesaja, sondern einem später lebenden, sogenannten "Deuterojesaja", der sie Jesaja unterschob, um damit seine eigene Theologie besser verkaufen zu können. Dies alles hörte ich nun im "frommen Modus" noch einmal und sollte von der tiefen Religiosität dieser Passage beeindruckt sein. Ich erlebte ein Paradebeispiel dafür, wie es möglich ist, mit einigen wenigen schwülstigen Worten eine Bibelstelle in ihr Gegenteil zu verkehren: Die behandelte Jesajastelle betonte, dass es gerade die echten Profetien sind, die den wahren Gott von den Götzen unterscheiden. Und das wurde nun zur Pseudo-Profetie erklärt - deren "frommen" Inhalt wir aber trotzdem schlucken sollten! Es war schrecklich für mich, mitzuerleben, wie eine ganze Reihe von gläubigen Studenten sich dadurch Sand in die Augen streuen ließ und beeindruckt war von der "Gläubigkeit" des Professors.

Der wohl eher atheistisch eingestellte Dozent erklärte mir, die Dreieinigkeit sei für ihn lediglich ein logisches Denkmodell für Gott. Er äußerte ganz offen Zweifel an meiner psychischen Gesundheit, weil ich Gott als Person sah, mit der man sprechen kann.

"Wenn hier einer irrt, dann ist es die Bibel!"

Eines hatten alle Dozenten gemeinsam, egal wie "fromm" sie sich auch geben mochten -sie streuten systematisch Zweifel an Gott und der Glaubwürdigkeit der Bibel aus. So erlebte ich im Studium eine für die bibelkritische Theologie wahrscheinlich typische Atmosphäre: Innerhalb verschiedener "Hauptströmungen", die alle letztlich im Unglauben mündeten, verfolgte jeder seine eigenen Theorien, und es galt die Gleichung:

Drei Dozenten = drei bis vier verschiedene Meinungen.

Nur in einem war man sich an der Uni meist einig: So, wie es in der Bibel geschrieben steht, kann es nicht gewesen sein. So stellte ich einmal während einer Freizeit für Theologiestudenten in Anwesenheit von etlichen Dozenten und Professoren die Behauptung in den Raum:

Es gibt unter den deutschen Theologen keinen Konsens,
keine einzige Lehre, in der sich alle einig wären -
außer der Überzeugung,
dass die Bibel nicht Gottes Wort ist!

Sie blieb unwidersprochen. Nur ein einziger Einwand wurde von einem Assistenten vorgebracht: "Es geht allen um Jesus!" Doch selbst angenommen, dies sei wahr, dann stellt sich immer noch die Frage: Welchen Jesus? Es gibt Theologen, die keines der Wunder Jesu für wahr halten, andere wiederum sind der Überzeugung, die Wunder Jesu seien so ziemlich das einzige, was an ihm historisch zuverlässig sei. Jeder pflückt sich andere Stellen aus der Bibel heraus und bastelt sich so seinen eigenen "Jesus" zurecht. Für den Jesus der Bibel gilt unter diesen Umständen: Kein Zutritt! Das ist die Wirkung der "modernen" Theologie!

Pseudo-Wissenschaft

Meine Erfahrungen an der Universität haben bewirkt, dass ich den Respekt vor der angeblich "wissenschaftlichen" Theologie vollkommen verloren habe. Sie tritt mit einem geradezu monopolartigen Anspruch auf, die einzig objektive Methode zu lehren, wie wir mit der Bibel umgehen müssen. Das alleine sollte schon aufhorchen lassen, denn hier begegnet uns ein mittelalterlicher Unfehlbarkeitsanspruch im modernen Gewande: Wer nicht historisch-kritisch denkt, muss von Haus aus irren, kann von der "anerkannten Theologie" nicht ernst genommen werden. Er wird mit dem Bann der Hochschultheologie belegt und exkommuniziert aus der Gemeinde der angeblich wahrhaft wissenschaftlich denkenden Theologen.

Dabei habe ich hautnah erlebt, dass diese Theologie bis zu den Hüften in einem Sumpf von weltanschaulicher Voreingenommenheit steckt, den sie sich aber nicht eingesteht, sondern mit dem Anspruch von "Wissenschaftlichkeit" bemäntelt. Angeblich objektiv wird an Texte herangegangen, aber in Wirklichkeit hat die meist lupenrein materialistische Weltanschauung von vorneherein festgelegt, was der Text sagen darf und was nicht.

Man